The Handmaid´s Tale: Trauma und Dissoziation

TRIGGERWARNUNG: Im folgenden Post geht es um sexuelle Traumatisierung & Dissoziation 

Quelle (Ausschnitt)

In der Serie The Handmaid´s Tale werden ritualisierte Vergewaltigungen durch eine christlich-fundamentalistische Sekte gezeigt, die – leider Gottes – die Herrschaft in einer dystopischen Zukunftsvision der USA übernommen hat. Unzählige Frauen werden Opfer dieser menschenverachtenden Praxis, auch unsere Protagonistin June, die in einem eindrucksvollen Monolog (S2E10) schildert, wie sich das anfühlt:
„Du siehst es wie eine Arbeit. Eine unangenehme Arbeit, die man so schnell wie möglich hinter sich bringt. Küssen ist verboten, das macht es erträglich. Man trennt sich ab. Man beschreibt. Ein Akt der Kopulation, evtl. der Befruchtung. Es bedeutet Dir nicht mehr als einer Blume die Biene. Du stählst dich, du gibst vor, nicht anwesend zu sein, nicht im Fleisch. Du verlässt Deinen Körper.“ 

Was June hier beschreibt, ist eine häufige psychische Reaktion von Opfern traumatischer Gewalterfahrungen und wird Dissoziation genannt. Grundsätzlich, d.h. im Normalzustand, sind die verschiedenen Funktionen unserer Psyche – z.B. Denken, Erinnern, Sinneswahrnehmung (Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen) und Identitätsgefühl – integriert, d.h. sie passen zusammen: Ich sitze im Sessel meines Büros, fühle das Polster an Armen, Beinen und Gesäß, höre den Regen an das Fenster prasseln, rieche den bekannten Geruch. Ich sehe den Raum, den ich kenne. Ich weiß wo und wann ich mich befinde, weiß, dass ich schon oft hier war und weiß auch, wer ich bin und warum ich immer wieder hierherkomme, usw
In traumatischen Situationen kann es jedoch sein, dass unsere Psyche überfordert wird. Was wir erleben ist mehr, als wir verkraften können: Todesangst, Scham, Ekel, Verzweiflung, Hilflosigkeit, körperlicher Schmerz… 
Die Dissoziation, bei der einzelne psychische Funktionen abgespalten werden („Man trennt sich ab“), z.B. das Bewusstsein von der Wahrnehmung des eigenen Körpererlebens („Du verlässt Deinen Körper“) ist ein sogenannter Abwehrmechanismus, ein Selbstschutz der Psyche vor Überflutung mit Unerträglichem. In der Akutsituation kann dies die letzte und einzige Rettung sein, die ein Weiterleben – psychisch und physisch – ermöglicht. 
Auf Dauer jedoch können die abgespaltenen Gefühle zu unerträglicher Anspannung führen und diese wiederum zu einer Vielzahl von Folgesymptomen, wie Ängstlichkeit, Schlaflosigkeit, Depressivität, Aggressivität, emotionaler Taubheit, Selbstbetäubung durch Suchtmittel, Selbstverletzung zur Anspannungsreduktion oder auch Suizidalität mit dem Ziel, den unerträglichen Anspannungszustand und die immer wieder – z.B. durch Flashbacks oder Alpträume – ins Bewusstsein drängenden Erinnerungen oder Gefühle zu beenden. 

In einer Traumatherapie würden diese Symptome in drei Phasen bearbeitet: 
  1. Stabilisierung: In der ersten Therapiephase wird eine vertrauensvolle Beziehung zur Therapeut*in aufgebaut und es werden Strategien im Umgang mit der akuten Symptomatik erarbeitet, die der Patient*in helfen, sich im Alltag und v.a. in akuten psychischen Krisen, selbst effektiver zu stabilisieren, z.B. Entspannungsmethoden, effektives Einfordern sozialer Unterstützung, oder andere Skills. 
  2. Exposition: In der zweiten Therapiephase, können, sofern die Patient*in sich dazu in der Lage fühlt, die traumatischen Erlebnisse, mit allen dazugehörigen psychischen Eindrücken (Erinnerungen, Gedanken, Sinneswahrnehmungen etc.) konkret besprochen und aus der schützenden Distanz der therapeutischen Situation bearbeitet werden. Dadurch soll die Dissoziation aufgelöst und das Erlebte psychisch integriert werden. Jetzt, wo die Patient*in gelernt hat, mit den Erinnerungen und Gefühlen selbstwirksam umzugehen, und Unterstützung und Halt durch die Therapie erfährt, kann das möglich sein, wovor die Dissoziation in der Situation des Traumas noch notwendigerweise geschützt hat. 
  3. Integration/Neuorientierung: In dieser letzten Phase der Traumatherapie geht es darum, über die konkrete Symptomatik hinaus, einen Umgang mit dem Erlebten zu finden. Was bedeutet es, der Mensch zu sein, dem diese schrecklichen Dinge widerfahren sind? Wie kann mein Leben von diesem Punkt an weitergehen? Was gibt meinem Leben auch und gerade jetzt noch Sinn? Usw. 

Wir können nur hoffen, dass am Ende von The Handmaid´s Tale Gilead fällt und die Mägde eine Chance auf angemessene therapeutische Unterstützung bekommen. Bis dahin können wir uns ja schonmal um unsere eigene, echte Welt kümmern.

Corona-Special: Warum mögen Kinder Paw Patrol?


Der Shutdown in Zeiten der Coronapandemie bedeutet für viele Eltern mit Kindergartenkindern auch eine nie gekannte Überdosis Paw Patrol und damit die Frage: Warum um alles in der Welt steht mein Kind so wahnsinnig auf diese schlichte, repetitive und schrille Zeichentrickserie? 

Quelle: Wikipedia

Nun, wie bei allen Geschichten, die Menschen jeden Alters faszinieren, geht es v.a. um Identifikation. Aus der psychologischen Forschung wissen wir, dass uns solche Geschichten faszinieren, die von Figuren handeln, die eine Brücke zwischen unserem Selbstbild und unserem Idealselbst schlagen. Das Bedeutet, Figuren, die sowohl dem ähneln, wie wir uns selbst sehen, als auch dem, wie wir gerne sein würden. 

Paw Patrol bietet für Kinder eine Vielzahl möglicher Identifikationsfiguren an. Alle Hauptcharaktere sind selbst Kinder, Jungen und Mädchen, sind groß oder klein, dick oder dünn… Sie weisen jede Menge unterschiedliche Charaktereigenschaften auf, die Kinder sich wünschen, aber gleichzeitig auch solche, die sie bei sich selbst wahrnehmen und mit denen sie nicht so glücklich sind: Chase ist der mutige Anführer, aber auch verletzlich durch seine Katzenhaarallergie. Marshall ist freundlich und hilfsbereit, aber auch tollpatschig. Rocky ist klug und erfinderisch, hat aber phobische Angst vor Wasser, usw. 

Eine besonders attraktive Identifikationsfigur ist der zehnjährige Junge Ryder, das Herrchen der Hundetruppe. Zunächst einmal hat er sechs Hunde, was alleine schon ein Traum vieler Kinder ist. Beziehungen zu Tieren sind eine beliebte Projektionsfläche für innige, exklusive und unverbrüchliche Beziehungen, wie wir sie uns als Menschen wünschen. Und Kinder, die sich in einer von Erwachsenen dominierten, definierten und kontrollierten Welt manchmal unverstanden fühlen, wenden sich mitunter lieber Tieren zu, die nicht werten, nicht tadeln, nicht fordern. (Nicht nur Kinder, im Übrigen). Geschichten von Flipper und Fury, bis zu Free Willy und Ostwind zeugen davon. 
Zudem ist Ryder ein autonomes Kind. Er scheint keine Eltern zu haben, die ihm Vorschriften machen oder seinen Idealismus zurechtstutzen. Was im echten Leben eine Katastrophe wäre, kann für Kinder, die, gerade im Paw Patrol-Alter, noch annähernd jeden Schritt unter der Aufsicht und mit der Erlaubnis von Erwachsenen gehen müssen, eine angenehme Ermächtigungsphantasie sein. Und weil wir auch im späteren Leben noch das Gefühl von Fremdbestimmtheit und Unfreiheit kennen und aus unserer Kindheit erinnern, mögen wir seit jeher Geschichten von Kindern, die autonom und wehrhaft ihren eigenen Weg gehen. Von Huckleberry Finn und Pipi Langstrumpf bis Harry Potter und Kevin allein zu Haus. 
Last but not least verfügt Ryder über so ziemlich jedes technische Spielzeug, das ein phantasiebegabtes Kind sich nur vorstellen kann. Auch das ist ein Kindertraum. Kinder können und dürfen viele Dinge nicht. Sie können nicht Auto fahren, aber ein cooles ferngesteuertes Auto kann ein veritabler Ersatz sein. Kinder sind durchweg auf den Schutz Erwachsener angewiesen. Aber eine Spielzeugwaffe kann ein Gefühl von Stärke und Wehrhaftigkeit erleben lassen, usw. 

Neben der individuellen Identifikation mit einer einzelnen Figur, bietet Paw Patrol noch eine zusätzliche Identifikationsebene durch die Team-Up-Struktur. Mit Team-Up werden Geschichten bezeichnet, in denen eine Gruppe von Individuen mit unterschiedlichen Eigenschaften Differenzen überwinden und sich zusammentun muss, um Herausforderungen zu bewältigen und Gefahren zu meistern. Solche Geschichten geben uns die Möglichkeit, die Vielseitigkeit und auch die Widersprüchlichkeit unserer Persönlichkeit repräsentiert zu sehen, indem wir uns in der Gesamtheit der Charaktere wiedererkennen. Jedes Kind kennt Mut und Angst, Stärke und Verletzlichkeit, Kompetenz und Überforderung – und alles gleichzeitig. Wir sind als echte Menschen vielschichtiger als es fiktionale Charaktere je sein könnten. Daher lieben wir Team-Up-Geschichten, vom Trojanischen Krieg und den zwölf Aposteln über die glorreichen Sieben und den Herrn der Ringe, bis zu den Avengers und My little Pony. 

Das bereits erwähnte kindliche Interesse an Technik erfüllt noch eine weitere Funktion: Das urmenschliche Bedürfnis nach Weltverstehen. Gerade Kinder im Paw Patrol-Alter haben viele Fragen: Wie funktioniert der Staubsauger, wie die Mikrowelle? Warum können Flugzeuge und Vögel fliegen, Menschen aber nicht? Was passiert mit dem Müll, nachdem er abgeholt wurde? Wie wird Essen zu Kacka? Wie funktionieren Geschlechtsorgane…? Bei der Paw Patrol werden die meisten Probleme durch ausführlich erklärte und für Kinder nachvollziehbare technische Lösungen bewältigt. Das vermittelt Kindern das Gefühl, das die Welt verstehbar, Probleme lösbar sind. Nicht umsonst repräsentieren die Fellfreunde Rollen, die auch im echten Leben der Kinder die Welt am Laufen halten: Polizei, Feuerwehr, Müllabfuhr, Seenotrettung, Bergwacht, usw. 

Geschichten, die uns vermitteln, dass es möglich ist, die Welt zu einem sicheren und guten Ort zu machen, wenn man Ängste und Differenzen überwindet, seine Stärken und Talente einsetzt und mit anderen kooperiert, haben eine wichtige beruhigende, Sicherheit, Zuversicht und Selbstwirksamkeit vermittelnde Funktion. Nicht nur, aber besonders auch, für Kinder. Da es sich hierbei aber nicht um ein rationales Wissen, sondern eine emotionale Erfahrung – die man auch Urvertrauen nennen könnte – handelt, muss diese immer und immer wieder gemacht werden, um wirksam zu blieben. Was für Erwachsene an Paw Patrol auf Dauer unerträglich monoton und repetitiv sein mag, vom immergleichen Ablauf der meisten Episoden, bis hin zu den gebetsmühlenartig wiederholten Slogans, vermittelt Kindern Verlässlichkeit, Vertrauen und Selbstwirksamkeit. Ebenso wie Kindern vieler früherer Generationen die immergleichen Märchen, mit den immergleichen Erzählstrukturen und Formulierungen („Es war einmal…“, „Und wenn sie nicht gestorben sind…“) immer und immer wieder erzählt werden konnten. 

Fazit: Als Erwachsener darf man Paw Patrol ruhig nervig und doof finden, unterm Strich ist die Serie aber auch nicht weniger wertvoll, als das was sich Generationen von Kindern zuvor reingezogen haben. Das heißt: Solange es nicht zu viel wird, ist Paw Patrol für Kinder nicht schädlich. Im Zweifelsfall: Fernseher aus und Paw Patrol an der frischen Luft nachspielen! 
Viel Spaß!

Joker: Im Kern ein Charakterdrama


Ein Gastbeitrag von M.Sc. Psych. Christiane Attig 

Im Genre der Superheldenfilme existieren gefühlt zwei Lager: zum einen gibt es die quietschbunten, CGI-überladenen, humorgespickten Heldengeschichten wie Guardians of the Galaxy oder The Avengers, die vorrangig im alles überschattenden Marvel Cinematic Universe beheimatet sind. Zum anderen gibt es die dunkleren, psychologischeren, ernsthafteren Streifen, die sich weniger um mit Superkräften ausgestattete Helden drehen, sondern die persönlichen Geschichten und Beweggründe ihrer Protagonist*innen in den Fokus rücken. Christopher Nolans Dark Knight-Trilogie, James Mangolds Logan oder M. Knight Shyamalans Split kann man in letztere Kategorie fassen, die nun mit Todd Phillips‘ Joker einen weiteren Eintrag erhält.

Joker erzählt die Geschichte von Arthur Fleck, der gemeinsam mit seiner Mutter Penny in einem wirtschaftlich schlecht gestellten Stadtteil von Gotham City lebt – die Stadt, die Batman ebenfalls seine Heimat nennt und die dieser immer wieder von Kriminalität, Gewalt und Korruption zu reinigen versucht. In Joker existiert Batman allerdings noch gar nicht, denn dieser Film zeigt uns, wie aus Arthur Fleck der Joker wurde: der Erzfeind Batmans, der offenbar aus reiner Freude heraus wahllos Menschen tötet und dadurch Angst und Chaos in Gotham verbreitet. 

Die Darstellung dieser Entwicklung verfügt anscheinend über eine gewisse Brisanz, denn über wenige Filme wurde in den letzten Jahren intensiver sowohl im deutschen und internationalen Feuilleton als auch in der Filmpodcast-Landschaft diskutiert. Kritische Stimmen werfen dem Drehbuch Ideenlosigkeit und Stigmatisierung psychisch kranker Personen vor. Wohlwollende Stimmen sprechen von gelungener Kritik am kapitalistischen System und einer rührenden Darstellung des Protagonisten, die seine Entwicklung nachvollziehbar macht. Aus der Perspektive der Klinischen Psychologie ist die Entwicklung Arthur Flecks hin zum Joker aber vor allem eines: realistisch. Und vielleicht ist gerade das der Punkt, weswegen die Entwicklung wie „Küchenpsychologie“ wirkt. Achtung: ab hier wird massiv gespoilert! 

In der ersten Szene des Films sehen wir Arthur, der sich für seinen Job vorbereitet: er schminkt sich zum Clown, um in den Straßen Gothams Werbeschilder zu halten und so die Bewohner der Stadt zum Konsum anzuregen. Gleichzeitig erfahren wir durch die Nachrichten, die im Hintergrund laufen, dass sich der Müll in den Straßen der Stadt türmt. Die Regierung spart an den falschen Stellen, die Reichen stecken sich immer mehr Geld in die eigenen Taschen und die soziale Schere klafft immer weiter auseinander. Doch das Leben an der Armutsgrenze ist nicht Arthurs einziges Problem: neben seiner neurologischen Störung, die in Stresssituationen ein Tic-artiges unwillkürliches und ununterdrückbares Lachen hervorruft, leidet er außerdem an Depressionen (und möglicherweise weiteren Störungen wie der Borderline-Persönlichkeitsstörung). Als er von seiner Therapeutin erfährt, dass die finanziellen Mittel sowohl für seine Gesprächs- als auch Pharmakotherapie gestrichen werden, gesteht er ihr, dass es ihm nicht nur schlecht ginge, nein: er habe ausschließlich negative Gedanken. Während er diese jedoch bisher relativ gut im Griff hatte, beginnen diese ihn nach dem erzwungenen Absetzen seiner Psychopharmaka und Psychotherapie zu übermannen. Die soziale Zurückweisung und das Mobbing, das er im Grunde (abgesehen von seiner Mutter und einem seiner Arbeitskollegen) von jeder Person in seinem Umfeld erfährt, kann nicht mehr abgefedert werden und entlädt sich in mörderischen Wutanfällen. Seine ersten Opfer sind mobbende Wallstreet-Yuppies. Ein Dreifachmord im Affekt, der negativ verstärkt wird: die Täter sind tot, die Schmerzen verschwunden.

Im späteren Verlauf des Films erfahren wir mit Arthur, worin seine neurologische Störung und seine psychischen Probleme begründet sind. Einer der früheren Partner seiner Mutter misshandelte Arthur als er ein Kind war, und fügte ihm dabei eine schwere Kopfverletzung zu – ein Trauma, das Arthur bis zur Gegenwart verdrängt hatte. Außerdem war seine Mutter Penny in der Vergangenheit wegen eigener psychischer Störungen in Gothams berühmter psychiatrischen Klinik, dem Arkham Asylum, untergebracht; hier wird eine familiäre Vorbelastung angedeutet. Doch das ist nicht alles: Jahrzehntelang belog Penny ihn bezüglich seiner Herkunft. Arthur, der ohnehin Bindungsprobleme aufweist, fühlt sich letztlich von der einzigen Person, von der er sich geliebt fühlte, verraten. Die Abwärtsspirale, die schon in vollem Gange ist, wird dadurch weiter angeheizt: suizidale Tendenzen und Rachegedanken manifestieren sich immer stärker und gipfeln in der Ermordung seines Idols vor laufenden Kameras. Ein Mord, der eine einzige Inszenierung ist. Ein Mord, der als politisches Zeichen instrumentalisiert wird. Ein Mord, für den Arthur positive Verstärkung in Form von Bewunderung und Glorifizierung erhält. Arthur ist tot, lang lebe der Joker. 

Was wir hier über zwei Stunden zu Gesicht bekommen, ist eine prototypische Illustration des Vulnerabilitäts-Stress-Modells zur Entstehung psychischer Störungen. Dieses besagt, dass zur Entwicklung solcher Störungen eine angeborene oder erworbene Vulnerabilität die Stressverarbeitungsressourcen des Individuums dauerhaft verringern. Erlebt das Individuum später akute Stressoren, die die Coping-Ressourcen übersteigen ohne dass schützende Resilienzfaktoren vorhanden sind, dann kommt es zur Manifestation der Störung. Arthur ist von Kindesbeinen an beeinträchtigt: er kommt aus wirtschaftlich unsicheren Verhältnissen, lebt mit einer psychisch beeinträchtigten Mutter, erlebt Kindesmisshandlungen und erwirbt dadurch eine Behinderung, die ihn sozial ausgrenzt. All das hat vermutlich zur Entstehung der Depression beigetragen. Dank Psychopharmaka und Psychotherapie schafft er es jedoch, ein relativ geordnetes Leben zu führen. Als diese Ressourcen wegfallen, sinkt seine Stressverarbeitungskapazität jedoch wieder. Psychische und körperliche Gewalt, Einsamkeit und Wut können nicht mehr adäquat verarbeitet werden und Arthur wird zum Joker.

Joker zeigt somit eine nachvollziehbare und psychologisch plausible Entwicklung seines Protagonisten, mit der die Zuschauenden mitfühlen können. Arthur ist Opfer seiner Umstände: seines sozialen Umfelds, seiner Behinderung, des Wirtschaftssystems, der Regierung. All das ist eine Erklärung, nicht jedoch eine Entschuldigung: Die Verantwortung für seine Taten bleibt stets einzig bei Arthur. Die Verantwortung für den Weg dorthin aber nicht nur. So klagt der Film auch ganz Gotham an, insbesondere die, die die Fäden der kapitalistischen Stadt in der Hand halten, wie die Familie Wayne. Und das bedient letztlich das allgemeine Narrativ der Batman-Geschichte: Gotham bringt den Joker hervor, der Joker und Batman bedingen sich gegenseitig. Sie sind zwei Seiten derselben Münze.  

„Madness, as you know, is like gravity. All it takes is a little push”, das sagte schon der von Heath Ledger verkörperte Joker in The Dark Knight. Dass dieser Joker, der durch eine dissoziale Persönlichkeitsstörung charakterisiert ist, die logische Fortführung der neuen, von Joaquin Phoenix verkörperten Joker-Iteration sein könnte, ist durchaus denkbar. Einige Einstellungen aus Todd Phillips‘ Film sind sogar offensichtliche Hommagen an The Dark Knight. So kann die Jokergenese über Filme und Inszenierungen hinweg weitergedacht werden. 

Vielleicht ist Joker für manche Menschen zu viel Erklärung. Vielleicht ist manchen Menschen ein mysteriöser Joker lieber. Einer, von dem man überhaupt nicht weiß, warum er so agiert wie er es tut. Einer, von dem man behaupten kann, dass er nun mal einfach „irre“ sei. Joker zeigt aber durch die Nachvollziehbarkeit: Arthur wurde nicht böse geboren. Das Böse gibt es nicht. Jeder Mensch trägt das Potenzial zu bösen Handlungen in sich. Und letztlich sind wir alle verantwortlich dafür, dass nicht das Böse Überhand gewinnt, sondern Solidarität, Mitgefühl und Verständnis, füreinander und sich selbst.

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