13 Reasons Why/Tote Mädchen lügen nicht - Staffel 4

Quelle: Wikipedia
Während ich mir die ersten acht Folgen der vierten Staffel von 13 Reasons Why anschaute, fragte ich mich, ob es im Writers Room diesen Moment gab, wo eine der Autor*innen einen Witz machen wollte und sagte: "Hey, ich hab eine Idee: Wie wär's, wenn wir einfach mal billigsten Teenage-Slasher-Trash machen und am Ende kommt raus, dass der Protagonist die ganze Zeit eine dissoziative Persönlichkeitsstörung hatte?" Dann fanden alle, dass das eine super originelle Idee sei und sie hat sich nicht mehr getraut zu sagen, dass es nur ein schlechter Witz war. Zumindest kann ich mir anders dieses Ergebnis nicht erklären. 
Daher möchte ich auch auf die dissoziative Persönlichkeitsstörung, die hier in der denkbar unoriginellsten Weise erzählt wird, nicht weiter eingehen. Mehr über dieses Störungsbild - das, anders als uns in 13 Reasons Why weisgemacht werden soll, in der Regel Folge schwerster früher Traumatisierungen ist, worauf es bei Clay sonst keinerlei Hinweise gibt - kann in den Posts über Mr. Robot und Fight Club geschrieben und im Podcast zu Mr. Robot besprochen. Wer noch tiefer in die Materie eintauchen möchte, dem sei der Podcast Vielzimmerwohnung empfohlen.

Zurück zu 13 Reasons Why. Immerhin, die letzten beiden Folgen knüpfen an das Konzept der Staffeln zwei und drei an: Harte Wahrheiten über persönliche Probleme und die gesellschaftlichen Missstände, die sie mitverursachen, und dazu eine gute Portion Empowerment. Das wird am Ende bisweilen etwas kitschig, aber allemal erträglicher, als die ersten 80%. 
Positiv hervorzuheben ist jedoch über die gesamte Staffel die Darstellung von Clays Psychotherapie. Nach den dilletantischen Versuchen eines Mr. Porter, wird hier endlich ein Therapeut gezeigt, der seinen Job beherrscht. Dr. Ellman respektiert, dass Clay lange Zeit nicht bereit ist, sich ihm wirklich zu öffnen, erinnert ihn aber dennoch beständig daran, dass er bereit sein wird zuzuhören, wenn Clay bereit ist, zu reden. In Folge 4 erklärt er Clay, dass dessen Ängste nicht davon weggehen werden, dass er sie zu unterdrücken versucht, sondern dass es die Konfrontation mit den Ängsten ist, die diese letztlich weniger bedrohlich und bestimmend werden lässt. Immer wieder lässt sich Dr. Ellman darauf ein, Clay die Kontrolle über den Prozess zu überlassen, z.B. wenn dieser die Plätze tauschen will, oder ihm persönliche Fragen stellt. Er zeigt Clay damit, dass er nicht irgendein pauschales Therapieprogramm mit ihn durchziehen will, sondern glaubhaft danach strebt, Clay dabei zu unterstützen, seinen ganz eigenen Weg im Umgang mit sei en Problemen und zu einem Leben, in dem er seinen Überzeugungen und seinen eigenen Bedürfnissen gerecht werden kann, zu finden. 
Gegen Ende spürt Dr. Ellman, dass Clay sich ihm endlich anvertrauen möchte, aber weiterhin von seinen Misstrauen gegenüber erwachsenen Autoritätspersonen daran gehindert wird. Er nutzt die Technik der therapeutischen Selbstoffenbarung, indem er Clay von seinen eigenen Problemen als Jugendlicher erzählt, um sich selbst für Clay als echte Person greifbarer zu machen und ihm zu vermitteln, dass Clays Gefühle nicht so abnorm sind, wie dieser denkt. Dadurch wird Clay von seiner Scham und dem Gefühl, so anders zu sein, dass ihn ohnehin niemand verstehen können wird, ein wenig entlastet - genau das nötige Bisschen, um endlich den letzten Schritt zu gehen und seine ganze Geschichte mit Dr. Ellman zu teilen. 
Wichtig bei der therapeutischen Selbstoffenbarung ist, dass sie immer nach dem Grundsatz der therapeutischen Nützlichkeit erfolgen muss, d.h. so viel, oder so wenig, wie die jeweilige Patient*in in diesem Moment benötigt, um einerseits die Therapeut*in authentisch und als fühlendes menschliches Wesen wahrnehmen zu können, und andererseits keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass es immer und ausschließlich die Gefühle und Bedürfnisse der Patient*in und niemals die der Therapeut*in sind, denen die Aufmerksamkeit in der Therapie zusteht. Dr. Ellman erzählt Clay von sich selbst, damit dieser sich sicher und verstanden fühlt und dadurch besser über sich selbst sprechen kann, und nicht um mit einem Schwank aus seiner wilden Jugend zu prahlen. Das ist gute therapeutische Arbeit und es sind gute Szenen, in einer mehr als durchwachsenen letzten Staffel einer aufsehenerregenden und innovativen Serie. Goodby, 13 Reasons Why!

The Handmaid´s Tale: Trauma und Dissoziation

TRIGGERWARNUNG: Im folgenden Post geht es um sexuelle Traumatisierung & Dissoziation 

Quelle (Ausschnitt)

In der Serie The Handmaid´s Tale werden ritualisierte Vergewaltigungen durch eine christlich-fundamentalistische Sekte gezeigt, die – leider Gottes – die Herrschaft in einer dystopischen Zukunftsvision der USA übernommen hat. Unzählige Frauen werden Opfer dieser menschenverachtenden Praxis, auch unsere Protagonistin June, die in einem eindrucksvollen Monolog (S2E10) schildert, wie sich das anfühlt:
„Du siehst es wie eine Arbeit. Eine unangenehme Arbeit, die man so schnell wie möglich hinter sich bringt. Küssen ist verboten, das macht es erträglich. Man trennt sich ab. Man beschreibt. Ein Akt der Kopulation, evtl. der Befruchtung. Es bedeutet Dir nicht mehr als einer Blume die Biene. Du stählst dich, du gibst vor, nicht anwesend zu sein, nicht im Fleisch. Du verlässt Deinen Körper.“ 

Was June hier beschreibt, ist eine häufige psychische Reaktion von Opfern traumatischer Gewalterfahrungen und wird Dissoziation genannt. Grundsätzlich, d.h. im Normalzustand, sind die verschiedenen Funktionen unserer Psyche – z.B. Denken, Erinnern, Sinneswahrnehmung (Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen) und Identitätsgefühl – integriert, d.h. sie passen zusammen: Ich sitze im Sessel meines Büros, fühle das Polster an Armen, Beinen und Gesäß, höre den Regen an das Fenster prasseln, rieche den bekannten Geruch. Ich sehe den Raum, den ich kenne. Ich weiß wo und wann ich mich befinde, weiß, dass ich schon oft hier war und weiß auch, wer ich bin und warum ich immer wieder hierherkomme, usw
In traumatischen Situationen kann es jedoch sein, dass unsere Psyche überfordert wird. Was wir erleben ist mehr, als wir verkraften können: Todesangst, Scham, Ekel, Verzweiflung, Hilflosigkeit, körperlicher Schmerz… 
Die Dissoziation, bei der einzelne psychische Funktionen abgespalten werden („Man trennt sich ab“), z.B. das Bewusstsein von der Wahrnehmung des eigenen Körpererlebens („Du verlässt Deinen Körper“) ist ein sogenannter Abwehrmechanismus, ein Selbstschutz der Psyche vor Überflutung mit Unerträglichem. In der Akutsituation kann dies die letzte und einzige Rettung sein, die ein Weiterleben – psychisch und physisch – ermöglicht. 
Auf Dauer jedoch können die abgespaltenen Gefühle zu unerträglicher Anspannung führen und diese wiederum zu einer Vielzahl von Folgesymptomen, wie Ängstlichkeit, Schlaflosigkeit, Depressivität, Aggressivität, emotionaler Taubheit, Selbstbetäubung durch Suchtmittel, Selbstverletzung zur Anspannungsreduktion oder auch Suizidalität mit dem Ziel, den unerträglichen Anspannungszustand und die immer wieder – z.B. durch Flashbacks oder Alpträume – ins Bewusstsein drängenden Erinnerungen oder Gefühle zu beenden. 

In einer Traumatherapie würden diese Symptome in drei Phasen bearbeitet: 
  1. Stabilisierung: In der ersten Therapiephase wird eine vertrauensvolle Beziehung zur Therapeut*in aufgebaut und es werden Strategien im Umgang mit der akuten Symptomatik erarbeitet, die der Patient*in helfen, sich im Alltag und v.a. in akuten psychischen Krisen, selbst effektiver zu stabilisieren, z.B. Entspannungsmethoden, effektives Einfordern sozialer Unterstützung, oder andere Skills. 
  2. Exposition: In der zweiten Therapiephase, können, sofern die Patient*in sich dazu in der Lage fühlt, die traumatischen Erlebnisse, mit allen dazugehörigen psychischen Eindrücken (Erinnerungen, Gedanken, Sinneswahrnehmungen etc.) konkret besprochen und aus der schützenden Distanz der therapeutischen Situation bearbeitet werden. Dadurch soll die Dissoziation aufgelöst und das Erlebte psychisch integriert werden. Jetzt, wo die Patient*in gelernt hat, mit den Erinnerungen und Gefühlen selbstwirksam umzugehen, und Unterstützung und Halt durch die Therapie erfährt, kann das möglich sein, wovor die Dissoziation in der Situation des Traumas noch notwendigerweise geschützt hat. 
  3. Integration/Neuorientierung: In dieser letzten Phase der Traumatherapie geht es darum, über die konkrete Symptomatik hinaus, einen Umgang mit dem Erlebten zu finden. Was bedeutet es, der Mensch zu sein, dem diese schrecklichen Dinge widerfahren sind? Wie kann mein Leben von diesem Punkt an weitergehen? Was gibt meinem Leben auch und gerade jetzt noch Sinn? Usw. 

Wir können nur hoffen, dass am Ende von The Handmaid´s Tale Gilead fällt und die Mägde eine Chance auf angemessene therapeutische Unterstützung bekommen. Bis dahin können wir uns ja schonmal um unsere eigene, echte Welt kümmern.

Corona-Special: Warum mögen Kinder Paw Patrol?


Der Shutdown in Zeiten der Coronapandemie bedeutet für viele Eltern mit Kindergartenkindern auch eine nie gekannte Überdosis Paw Patrol und damit die Frage: Warum um alles in der Welt steht mein Kind so wahnsinnig auf diese schlichte, repetitive und schrille Zeichentrickserie? 

Quelle: Wikipedia

Nun, wie bei allen Geschichten, die Menschen jeden Alters faszinieren, geht es v.a. um Identifikation. Aus der psychologischen Forschung wissen wir, dass uns solche Geschichten faszinieren, die von Figuren handeln, die eine Brücke zwischen unserem Selbstbild und unserem Idealselbst schlagen. Das Bedeutet, Figuren, die sowohl dem ähneln, wie wir uns selbst sehen, als auch dem, wie wir gerne sein würden. 

Paw Patrol bietet für Kinder eine Vielzahl möglicher Identifikationsfiguren an. Alle Hauptcharaktere sind selbst Kinder, Jungen und Mädchen, sind groß oder klein, dick oder dünn… Sie weisen jede Menge unterschiedliche Charaktereigenschaften auf, die Kinder sich wünschen, aber gleichzeitig auch solche, die sie bei sich selbst wahrnehmen und mit denen sie nicht so glücklich sind: Chase ist der mutige Anführer, aber auch verletzlich durch seine Katzenhaarallergie. Marshall ist freundlich und hilfsbereit, aber auch tollpatschig. Rocky ist klug und erfinderisch, hat aber phobische Angst vor Wasser, usw. 

Eine besonders attraktive Identifikationsfigur ist der zehnjährige Junge Ryder, das Herrchen der Hundetruppe. Zunächst einmal hat er sechs Hunde, was alleine schon ein Traum vieler Kinder ist. Beziehungen zu Tieren sind eine beliebte Projektionsfläche für innige, exklusive und unverbrüchliche Beziehungen, wie wir sie uns als Menschen wünschen. Und Kinder, die sich in einer von Erwachsenen dominierten, definierten und kontrollierten Welt manchmal unverstanden fühlen, wenden sich mitunter lieber Tieren zu, die nicht werten, nicht tadeln, nicht fordern. (Nicht nur Kinder, im Übrigen). Geschichten von Flipper und Fury, bis zu Free Willy und Ostwind zeugen davon. 
Zudem ist Ryder ein autonomes Kind. Er scheint keine Eltern zu haben, die ihm Vorschriften machen oder seinen Idealismus zurechtstutzen. Was im echten Leben eine Katastrophe wäre, kann für Kinder, die, gerade im Paw Patrol-Alter, noch annähernd jeden Schritt unter der Aufsicht und mit der Erlaubnis von Erwachsenen gehen müssen, eine angenehme Ermächtigungsphantasie sein. Und weil wir auch im späteren Leben noch das Gefühl von Fremdbestimmtheit und Unfreiheit kennen und aus unserer Kindheit erinnern, mögen wir seit jeher Geschichten von Kindern, die autonom und wehrhaft ihren eigenen Weg gehen. Von Huckleberry Finn und Pipi Langstrumpf bis Harry Potter und Kevin allein zu Haus. 
Last but not least verfügt Ryder über so ziemlich jedes technische Spielzeug, das ein phantasiebegabtes Kind sich nur vorstellen kann. Auch das ist ein Kindertraum. Kinder können und dürfen viele Dinge nicht. Sie können nicht Auto fahren, aber ein cooles ferngesteuertes Auto kann ein veritabler Ersatz sein. Kinder sind durchweg auf den Schutz Erwachsener angewiesen. Aber eine Spielzeugwaffe kann ein Gefühl von Stärke und Wehrhaftigkeit erleben lassen, usw. 

Neben der individuellen Identifikation mit einer einzelnen Figur, bietet Paw Patrol noch eine zusätzliche Identifikationsebene durch die Team-Up-Struktur. Mit Team-Up werden Geschichten bezeichnet, in denen eine Gruppe von Individuen mit unterschiedlichen Eigenschaften Differenzen überwinden und sich zusammentun muss, um Herausforderungen zu bewältigen und Gefahren zu meistern. Solche Geschichten geben uns die Möglichkeit, die Vielseitigkeit und auch die Widersprüchlichkeit unserer Persönlichkeit repräsentiert zu sehen, indem wir uns in der Gesamtheit der Charaktere wiedererkennen. Jedes Kind kennt Mut und Angst, Stärke und Verletzlichkeit, Kompetenz und Überforderung – und alles gleichzeitig. Wir sind als echte Menschen vielschichtiger als es fiktionale Charaktere je sein könnten. Daher lieben wir Team-Up-Geschichten, vom Trojanischen Krieg und den zwölf Aposteln über die glorreichen Sieben und den Herrn der Ringe, bis zu den Avengers und My little Pony. 

Das bereits erwähnte kindliche Interesse an Technik erfüllt noch eine weitere Funktion: Das urmenschliche Bedürfnis nach Weltverstehen. Gerade Kinder im Paw Patrol-Alter haben viele Fragen: Wie funktioniert der Staubsauger, wie die Mikrowelle? Warum können Flugzeuge und Vögel fliegen, Menschen aber nicht? Was passiert mit dem Müll, nachdem er abgeholt wurde? Wie wird Essen zu Kacka? Wie funktionieren Geschlechtsorgane…? Bei der Paw Patrol werden die meisten Probleme durch ausführlich erklärte und für Kinder nachvollziehbare technische Lösungen bewältigt. Das vermittelt Kindern das Gefühl, das die Welt verstehbar, Probleme lösbar sind. Nicht umsonst repräsentieren die Fellfreunde Rollen, die auch im echten Leben der Kinder die Welt am Laufen halten: Polizei, Feuerwehr, Müllabfuhr, Seenotrettung, Bergwacht, usw. 

Geschichten, die uns vermitteln, dass es möglich ist, die Welt zu einem sicheren und guten Ort zu machen, wenn man Ängste und Differenzen überwindet, seine Stärken und Talente einsetzt und mit anderen kooperiert, haben eine wichtige beruhigende, Sicherheit, Zuversicht und Selbstwirksamkeit vermittelnde Funktion. Nicht nur, aber besonders auch, für Kinder. Da es sich hierbei aber nicht um ein rationales Wissen, sondern eine emotionale Erfahrung – die man auch Urvertrauen nennen könnte – handelt, muss diese immer und immer wieder gemacht werden, um wirksam zu blieben. Was für Erwachsene an Paw Patrol auf Dauer unerträglich monoton und repetitiv sein mag, vom immergleichen Ablauf der meisten Episoden, bis hin zu den gebetsmühlenartig wiederholten Slogans, vermittelt Kindern Verlässlichkeit, Vertrauen und Selbstwirksamkeit. Ebenso wie Kindern vieler früherer Generationen die immergleichen Märchen, mit den immergleichen Erzählstrukturen und Formulierungen („Es war einmal…“, „Und wenn sie nicht gestorben sind…“) immer und immer wieder erzählt werden konnten. 

Fazit: Als Erwachsener darf man Paw Patrol ruhig nervig und doof finden, unterm Strich ist die Serie aber auch nicht weniger wertvoll, als das was sich Generationen von Kindern zuvor reingezogen haben. Das heißt: Solange es nicht zu viel wird, ist Paw Patrol für Kinder nicht schädlich. Im Zweifelsfall: Fernseher aus und Paw Patrol an der frischen Luft nachspielen! 
Viel Spaß!

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