Dark: Das Unbewusste

Eine spannende, komplexe und hervorragend besetzte deutsche Serie – und dann wird auch noch Freud zitiert! Was will man mehr? 
In voller Länge lautet das Sigmund-Freud-Zitat, das der hartnäckige Inspektor Clausen gerne verkürzt und bedeutungsschwanger wiedergibt: 

Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, überzeugt sich, dass die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können. Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen; aus allen Poren dringt ihm der Verrat. Und darum ist die Aufgabe, das verborgenste Seelische bewusst zu machen, sehr wohl lösbar.“ (1) 

Das passt, auch aufgrund der Freud eigenen etwas theatralischen Sprache, gut zu dem mysteriösen, hinterlistigen Inspektor Clausen und er scheint sich in der Rolle des ungebetenen Zaungastes in der Psyche seines Gegenübers zu gefallen. Nun war Sigmund Freud aber kein polizeilicher Ermittler, mit dem Ziel, die absichtlich verborgenen Geheimnisse Anderer zu entlarven, sondern Arzt und Psychotherapeut, der sein Ziel darin sah, Patient*innen dabei zu helfen, die unbewussten Wünsche, Ängste und Motive zu ergründen, deren Verdrängung zu seelischer Unausgeglichenheit und der Ausbildung psychopathologischer Symptome geführt haben könnte. Dabei – und das ist die eigentliche Aussage des Zitats – können unbewusste Prozesse, wie Mimik, Gestik oder auch Versprecher, wertvolle Hinweise liefern, die dann gemeinsam mit der/m Patient*in analysiert und gedeutet werden können. 

Somit passt das Zitat nicht nur in seiner Rhetorik zu Inspektor Clausen, sondern auch in seiner eigentlichen Bedeutung gut in die Serie, in der das Unbewusste in Form der klassischen Wald-Metapher eine zentrale Rolle spielt. Seit jeher gehen Protagonisten beliebter Geschichten in den Wald, um durch die Konfrontation mit der in ihm verlässlich lauernden Gefahr, ungeahnte innere Ressourcen zu entdecken und dadurch wiederum gereift und mehr sie selbst wieder aus dem Wald herauszutreten. 
Das naive Rotkäppchen wird im Wald zur Frau, die die Gefahren des Lebens (i.e. lüsterne Wölfe am Wegesrand) kennen- und besiegen (i.e. ihnen widerstehen) gelernt hat. 
Hänsel und Gretel, die sich zunächst noch widerspruchslos im Wald aussetzen ließen, entdecken dort ihre Kraft als intelligente und loyale Geschwister und kehren nach erfolgreicher Hexenverbrennung zurück um den Platz an Vaters Tisch gegen die böse Stiefmutter zu behaupten, welche jedoch vorauseilend verstorben ist. 
Arminius der Cherusker führt die identitätsverwirrten germanischen Stämme in den Teutoburger Wald, wo sie zu ihrer eigentlichen, gesamtdeutschen Identität finden, die so klasse ist, dass der Römer nur noch Reißaus nehmen kann… Und so weiter. 

Auch in Dark gehen die Charaktere nach und nach meist in den Wald, mehr oder weniger um die dort lauernden Gefahren wissend, um etwas über sich selbst, ihre Herkunft, ihre Familie oder die Liebe herauszufinden – kurz sich selbst zu finden. Der Wald, finster, wild und mystisch, aber auch ursprünglich, unverdorben und kraftvoll, symbolisiert dabei die tieferen, unbewussten Bereiche der Psyche: Man weiß nie so genau, was einem begegnen wird, aber man weiß doch, dass es irgendwie mit einem selbst zu tun hat. Wir alle müssen uns von Zeit zu Zeit in diese dunklen Wälder vorwagen um etwas über uns zu lernen und weiser wieder in den Alltag – in Dark immer symbolisiert durch die breite Straße mit der Bushaltestelle als klare Kennzeichen der aufgeklärten (i.e. bewussten) Zivilisation – treten zu können. Meist gelingt das von selbst, gelegentlich braucht es eine Psychotherapie, seltenst eine Zeitreise. 

(1) Sigmund Freud (1905). Gesammelte Werke V: Bruchstück einer Hysterie-Analyse, S. 240.

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