Cobra Kai und Karate Kid: Atem und Balance

Mister Miyagi (Quelle)

Inzwischen hat die Karate Kid Sequelserie Cobra Kai auf Netflix schon vier Staffeln. Genau wie die Filmreihe wird auch die Serie von Staffel zu Staffel schlechter, wie so oft, wenn die eigentliche Geschichte erzählt ist und Plots und Twists immer absurder werden müssen, um noch so etwas wie einen Spannungsbogen hinzubekommen. Für Karate Kid Fans ist Cobra Kai trotzdem ein großer Spaß. Wer hingegen nicht als Kind der Achtziger den Kranich geübt hat, verpasst fast nichts. 
Außer den Bezügen auf Mister Miyagis zeitlose zen-buddhistische und daoistische Weisheiten (Die 10 besten hier im Überblick), die schon die Filme zu etwas besonderem gemacht haben. Beispiel: „Wenn du fühlen das Leben geraten aus Fokus, immer zurückkehren zu Grundlage von Leben. Atmen. Kein Atem, kein Leben.“ Was vor Mister Miyagi seit Jahrhunderten schon Zen-Meister und Yogis wussten, ist inzwischen auch wissenschaftlich bestätigt: Ruhiges, gleichmäßiges Atmen entspannt und ist gesund. (mehr dazu bei Spektrum oder BBC). Dabei ist es für die Wirksamkeit ganz egal, ob man im Lotossitz vipassana-meditiert, eine Fantasiereise, Yoga oder autogenes Training macht, Rosenkranz betet oder einfach nur mit z.B. mit der kostenlosen App breathe die Atemfrequenz ganz direkt steuert: Der persönliche Zugang ist reine Geschmackssache, nur auf die Atmung kommt es an. 
 
Ein weiteres zentrales Thema von Cobra Kai und Karate Kid ist Balance, das Grundprinzip der einflussreichen chinesischen Philosophie des Daoismus (wikipedia). Im Tao Te King (kindle, spotify) von Laotse, quasi der Bibel des Daoismus, heißt es: 
 
Wenn gewisse Dinge als schön gelten, werden andere Dinge hässlich. Wenn gewisse Dinge als gut gelten, werden andere Dinge schlecht. Sein und Nichtsein erzeugen einander. Schwer und Leicht vollenden einander. Lang und Kurz gestalten einander. Hoch und Tief bestimmen einander. Vorher und Nachher folgen einander. 
[...] Verehrt man die Großen zu sehr, werden die Menschen kraftlos. Steht Besitz zu hoch im Kurs, beginnen die Menschen zu stehlen…“ 
 
Das ewige, um Balance bemühte Hin und Her der Gegensätze ist ein Grundmuster von Cobra Kai. Kreese, Johnny, Hawk – in jeder Generation von Cobra Kai findet sich jemand, der aus einer Erfahrung der Erniedrigung und Kleinheit heraus, Stärke und Ermächtigung durch den Weg der Faust (Zuerst schlagen, hart schlagen, keine Gnade!) strebt, was mit der Zeit ins Gegenteil umschlägt, um sich schließlich (mal mehr, mal weniger) in Richtung Mitte (Balance!) einzupendeln. 
Genauso im Miyagi-Do: Miyagi selbst ein traumatisierter Kriegsheld, Daniel ein impulsiver Heißsporn und Robby ein zynisch-rücksichtsloser Kleinkrimineller. Sie alle finden durch das auf Kontemplation und Defensivität ausgerichtete Miyagi Do-Karate zu mehr Ruhe und innerem Frieden, wenngleich auch dieser durch das ewige Ringen um Balance immer wieder ins Gegenteil umschlägt (selbst bei Meister Miyagi, wenn er den Whisky und die alten Fotos rausholt).
 
In der Medizin und Psychologie spricht man von Homöostase (wikipedia): Systeme wir Körper und Psyche streben nach Gleichgewicht durch das Ausbalancieren entgegengesetzter Kräfte: Schlaf vs. Wachheit, Aktivität vs. Entspannung, Wachstum vs. Stagnation, Beziehung vs. Selbstverwirklichung… Dabei ist die Homöostase nie ein statisches Mittelmaß, sondern immer eine dynamische Pendelbewegung. 
In der Tiefenpsychologie gehen wir, auf dem Homöostasemodell aufbauend, von sieben zentralen Grundkonflikten aus, die jeder Mensch in einer für sich individuell zu findenden Balance lösen muss, um Gesundheit, Selbstverwirklichung und gelingende Beziehungen zu erreichen, z.B.: 
  • Abhängigkeits- vs. Individuationskonflikt (Suchen von zwischenmenschlicher Nähe vs. Individueller Selbstverwirklichung) 
  • Selbstwertkonflikt (Selbstüberschätzung vs. Selbstabwertung) 
  • Schuldkonflikt (Ich bin an allem schuld vs. die anderen sind an allem schuld) 
  • (Detaillierte Beschreibungen der einzelnen Konflikte anhand von Filmbeispielen auf filmschreiben.de
 
In den Formulierungen der Grundkonflikte kommt die Bipolarität menschlichen Denkens und Fühlens zum Ausdruck. Jedes Konfliktthema lässt sich auf dem Kontinuum zwischen zwei Extremen verstehen. Je extremer und einseitiger ein Konflikt gelöst wird, umso dysfunktionaler ist dieser Modus des Erlebens und Verhaltens. Forciertes Überkompensieren kann ebenso problematisch sein, wie passive Vermeidung. Extreme Modi führen dazu, dass auf verschiedene innere und äußere Anforderungen unflexibel in immer derselben Weise reagiert wird, was das Funktionsniveau verringert, sekundäre emotionale und soziale Kollateralschäden verursacht und die Entwicklung neurotischer Symptome begünstigt. 
Beispiel: Kreese und Johnny haben zwar ähnliche Konfliktmuster – ein forciertes Überkompensieren von Unsicherheit und Kränkung durch Stärke und Dominanz – aber bei Creese ist dieses extremer und unflexibler ausgeprägt, was ihn dysfunktionaler und für seine Umwelt toxischer macht, als Johnny, der dann doch immer wieder einlenken kann und zu moderateren Lösungen kommt. 
 
Das höchste Maß an psychischem und sozialem Wohlbefinden können wir folglich erwarten, wenn alle wichtigen Konfliktthemen ausreichend stabil und dabei ausreichend flexibel ausbalanciert sind. Dieses flexible Variieren innerhalb eines der eigenen Persönlichkeit entsprechenden mittleren Bereichs sorgt für psychische Homöostase und ein hohes psycho-soziales Funktionsniveau. Oder, wie Mister Miyagi sagen würde: Balance. Um aber diese Balance ständig immer wieder neu zu finden, das Leben immer wieder neu auszubalancieren, braucht es den Gegensatz, den Konflikt. Braucht es Miyagi Do und Cobra Kai – und manchmal sogar Eagle Fang…

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