13 Reasons Why/Tote Mädchen lügen nicht


Wie auch immer man über die vieldiskutierte Netflix-Serie 13 Reasons Why, auf Deutsch: Tote Mädchen lügen nicht, denkt, eines ist wohl unstrittig: Sie regt zum Nachdenken an.

Das Coming-of-Age-Drama ist in vielerlei Hinsicht authentisch, spannend, gut gespielt, und zeigt interessante jugendliche Charaktere, die differenziert und nachvollziehbar psychologisch gezeichnet sind und sich stark entwickeln dürfen. Wichtige Themen, wie Mobbing, sexuelle Gewalt (in all ihren Abstufungen), die Gnadenlosigkeit sozialer Gruppenprozesse und die Subjektivität im Erleben all dessen werden mutig aufgegriffen und konsequent erzählt.

Die jugendlichen Charaktere sind einerseits intellektuell so reif, meistern so viele Herausforderungen ihres Lebens mit bewundernswertem Mut und Durchhaltevermögen und sind andererseits so unsicher bezüglich ihrer Identität, so ausgeliefert den sozialen Zuschreibungen und so überfordert mit der Einordnung und Regulation ihrer starken Emotionen – so wie Jugendliche eben sind.

Der Psychoanalytiker Erik Erikson beschreibt in seinem bekannten Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung die Identitätsfindung als zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters. Wenngleich sich die Identität das ganze Leben lang weiterentwickelt, spielen Fragen der Identität, wie „Wer bin ich?“, „Wohin gehöre ich?“, „Was macht mich einzigartig/liebenswert?“ usw. im Jugendalter eine besonders große Rolle, was viele Jugendliche besonders verletzbar durch soziale Bewertungen und besonders beinflussbar durch sozialen Druck der Peer-Group (Gleichaltrigengruppe) macht.

Wird die Entwicklungsaufgabe der Identitätsfindung hinreichend gut gelöst, wird dies im Alter besser (ganz aufhören tut es allerdings nie, sorry). Mobbing, Gewalt und Diskriminierung jedoch erschweren es, eine stabile und sichere Identität zu entwickeln, da das eigene „So-sein“ immer wieder massiv infrage gestellt und abgewertet wird.

Wer als Jugendliche/r das Glück hatte, niemals Opfer von Mobbing oder anderen Übergriffen zu werden und keine schweren Identitätskrisen erlebt hat, mag eine Geschichte wie die von Hannah Baker, die sich aus Verzweiflung über ihre Identitätsunsicherheit und das Unrecht, das ihr angetan wurde, suizidal wird für übertrieben halten. Das ist sie aber nicht! Genau so fühlen sich unzählige Jugendliche und manche von ihnen sterben daran.

Und hier kommen wir zum kritischen Teil der Bewertung von 13 Reasons Why. Nicht wenige psychotherapeutische und psychiatrische KollegInnen kritisieren die Serie, weil sie befürchten, Hannahs Suizid und vor allem dessen Auswirkungen würden auf eine Weise dargestellt, die suizidgefährdete Menschen zur Nachahmung animieren könnte.

So etwas ist tatsächlich möglich [1]. So gab es auch in den Tagen nach dem medial stark rezipierten Suizid des Fußballnationalspielers Robert Enke 2009 einen Anstieg an Suiziden nach ähnlichem Muster [2].

Die Forschung zu Risiken und Präventionsmöglichkeiten von Suiziden nennt dieses animiert werden zur Durchführung eigener suizidaler Handlungen infolge der öffentlichkeitswirksamen Darstellung ebensolcher Werther-Effekt, benannt nach der ersten bekannten medial ausgelösten Suizidwelle infolge des Erscheinens von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther.

Der Werther-Effekt ist besonders stark, wenn die fiktionale Darstellung oder mediale Berichterstattung von Suiziden emotionalisiert, detailreich, verherrlichend oder romantisierend ist und die Persönlichkeit und ihre individuellen Beweggründe intensiv zu analysieren versucht. Es besteht das Risiko, einem Suizid große, als positiv erlebte Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen und damit die Phantasie zu befördern, diese im Falle einer Nachahmung auch zu bekommen. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention hat daher Empfehlungen für die mediale Berichterstattung über Suizide veröffentlicht [2].

Neben der Tatsache, dass Hannahs Suizid und die Aufnahme und Verteilung der Kasetten als hoch rationale, genial orchestrierte, mutige und damit geradezu bewundernswerte Taten dargestellt werden, scheint mir an 13 Reasons Why vor allem problematisch, dass uns intensiv der Eindruck vermittelt wird, dass Hannah, obwohl sie zum Zeitpunkt der Serienhandlung bereits tot ist, noch sehr direkt am Leben der übrigen Protagonisten teilnimmt. Dadurch, dass sie das Geschehen kommentiert, den anderen via Kassette bzw. Stimme aus dem Off Anweisungen gibt und dabei häufig deren Gedanken und Reaktionen in fast hellseherischer Weise antizipiert, wirkt es auf uns, als könne Hannah die Reaktionen der Anderen auf ihren Suizid, die Trauer, die Ratlosigkeit, die Scham- und Schuldgefühle, noch miterleben und, ja, genießen. So als würde ihr endlich Gerechtigkeit und Genugtuung zuteil.

Phantasien darüber, dass der eigene Suizid andere dazu bringen könne, ihr Handeln zu bereuen, endlich zu erkennen, was sie dem Suizidenden angetan haben, oder sich einfach nur stärker als zuvor der Bedeutung des Verstorbenen für das eigene Leben bewusst zu werden, können die Handlungsimpulse bei suizidalen Gedanken und Phantasien verstärken.

Dabei ist es eine Illusion, diese Reaktionen noch in irgendeiner Weise miterleben, oder gar genießen zu können, denn wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr [3].

Ein weiteres, bei suizidalen Menschen häufig vorkommendes Gefühl, das sich auch auf Hannahs Entscheidung auswirkt, ist dass der eigene Tod eine Erleichterung oder Befreiung für die Anderen, also die Menschen im persönlichen Umfeld, paradoxerweise besonders die nahestehenden, sei. Das ist jedoch niemals der Fall. Die klinische Erfahrung zeigt, dass durch einen Suizid gravierende Belastungen, nicht selten bis hin zu ernsthaften psychischen Problemen, bei einer Vielzahl von nahestehenden Personen ausgelöst werden, teilweise können diese selbst suizidale Gedanken entwickeln.

Teilweise wird dies in 13 Reasons Why deutlich, vor allem an Hannahs Eltern, deren Leid unerträglich scheint und offenbar nicht abklingt. Auch an Alex werden die dramatischen Auswirkungen von Hannahs Suizid deutlich. Clay hingegen scheint am Ende der Serie entlastet, vermutlich, weil er das Gefühl hat, das Richtige getan und eine Art Gerechtigkeit für Hannah hergestellt zu haben – eine Möglichkeit die in der Realität selten besteht.

Das macht Hannahs Entscheidung, sich in Form der Kassetten an diejenigen zu wenden, die sie für ihren Tod verantwortlich macht, auch zu einem hochaggressiven Akt. Einige der Betroffenen haben sich an ihr schuldig gemacht, andere hätten ihr möglicherweise geholfen, wenn es ihr gelungen wäre, sich ihnen zu öffnen.

Hier macht die Serie aus meiner Sicht nicht genug deutlich, dass Hannah Hilfe hätte bekommen können. Ihre Eltern, Clay, Tony und vermutlich auch andere (den offenbar mit der Situation überforderten und peinlich inkompetenten Beratungslehrer ausgenommen) hätten ihr geholfen, wenn sie ernsthaft Hilfe eingefordert hätte. Dies gelingt ihr jedoch nicht. Stattdessen macht definiert sie für sich Anforderungen, die so hoch und Aufforderungen die so indirekt sind, dass die Anderen daran nur scheitern können. Sie scheint sich unbewusst selbst bei ihrem Versuch, Hilfe zu bekommen zu boykottieren. Vielleicht weil die Phantasie, sich durch die Kassetten und ihren Tod vom Opfer zur Rächerin zu machen und endlich die anderen Leiden zu sehen, bereits zu starke Attraktion auf sie ausübt. Damit handelt Hannah leider ebenso egozentrisch und unempathisch, wie Bryce, Justin und all die anderen.

So sehr ich Freude daran hatte, diesen Jugendlichen durch ihre Geschichte von Identitätssuche, Persönlichkeitsentwicklung, Schmerz, Trauer, Scham, Schuld, Sühne und Genugtuung zu folgen, überwiegt in der Gesamtbewertung von 13 Reasons Why doch die zu leichtfertig in Kauf genommene Möglichkeit, dass Hannahs Überlegungen und Handlungen ein hohes Identifikations- und Nachahmungspotential haben.

In Zeiten von VoD lässt sich noch weniger als zuvor sicherstellen, dass so gute, aber auch potentiell gefährliche Stoffe wie 13 Reasons Why nicht von der falschen Person zum falschen Zeitpunkt in ihrem Leben angesehen werden.

Darum, auch wenn es schade gewesen wäre, hätte Netflix die Serie, so wie sie ist, lieber nicht zeigen sollen.


[1] vgl. z.B. Pirkis & Blood (2010)

[2] vgl.
DGS (2010)

[3] nach
Epikur 


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