Game of Thrones: Ramsey Bolton - Ein Nachruf





Ramsey Bolton, vormals Snow, ist tot. 

„Endlich!“ mag der Großteil der Game of Thrones-Zuschauer erleichtert ausrufen.

Aber was hatten wir eigentlich alle gegen Ramsey? War er denn der einzige Lügner, Mörder, Folterer und Vergewaltiger in der grausamen Welt von Game of Thrones?
Nein. Und irgendwie doch. Aber dazu später mehr. 

In Game of Thrones wird uns jede erdenkliche Form der Gewalt gezeigt, kaum jemand bleibt unschuldig. So unterschiedlich die Motive und Erscheinungsformen der Gewalt, so allgegenwärtig ist sie doch. 

Der Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma* schlägt vor, Gewalt in drei Kategorien zu unterteilen. Diese sollen sowohl für physische als auch psychische Gewalt gelten, weil Reemtsma der Ansicht ist, dass auch psychische Gewalt letztlich immer auf die (befürchtete) Verletzung des Körpers (mit-)abzielt. 

  1. Lozierende Gewalt (lateinisch: locare = setzen, stellen, legen) ist instrumentell. Das bedeutet, sie ist Mittel zum Zweck. Könnte das angestrebte Ziel gewaltlos schneller, einfacher oder effektiver erreicht werden, würde vermutlich dieser andere Weg gewählt. Andernfalls muss der Körper des Feindes „aus dem Weg geräumt“ (locare) werden. Daenerys Targaryen wendet ständig lozierende Gewalt an. Meist versucht sie zunächst, ihre Ziele argumentativ zu erreichen, oft ist aber Gewalt das effektivste Mittel. Auch Tywin Lannister, sicher kein Sympathieträger, übte zwar ungerührt, aber doch meist instrumentell, Gewalt aus. Ganze Heere opferte er für seine Zwecke, aber immer mit Bedacht und Kalkül. Selbst „the honorable Ned Stark“ schwang stets selbst das Schwert, um Recht und Ordnung zu erhalten.
  2. Raptive Gewalt (lateinisch: rapere = rauben) ist dagegen nicht auf einen sekundären Zweck gerichtet, sondern auf den Körper, dem Gewalt angetan wird, selbst. Hierzu zählen insbesondere alle Formen sexueller Gewalt. Auch deren gesamtes Spektrum wird uns in Game of Thrones vor Augen geführt. Das beginnt bei sexistischen Äußerungen und der Androhung sexueller Gewalt und endet bei Vergewaltigungen, die nicht nur von Finsterlingen wie Gregor Clegane, sondern durchaus auch Helden wie Khal Drogo und Jamie Lannister begangen werden.
  3. Autotelische Gewalt (griechisch: autos = selbst, telos = Zweck) befriedigt hingegen gar kein weiteres bewusstes Motiv. Sie wird als Selbstzweck mit Genuss verübt. Dieser kann wolllüstig getönt sein, wie bei Joffreys Sadismus, der dennoch nicht wirklich sexuell motiviert ist. Andere lieben und suchen die Euphorie des Blutrauschs, wie die Cleganes, die Dothraki oder Daario Naharis.

(Natürlich muss aus psychologischer Perspektive ergänzt werden, dass auch autotelische Gewalt immer von unbewussten – individuell sehr unterschiedlichen – Motiven angetrieben wird. Die Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen und Entwertungserfahrungen, die Projektion eigener Aggressionen und Schuldgefühle auf das Opfer und vieles mehr kommen hier in Frage. An dieser Stelle wollen wir uns aber mit der phänomenologischen Betrachtung der Gewalt begnügen.)

Wie jede Kategorisierung, beschreibt auch die reemtsmasche Gewalttypologie gedachte Idealtypen, die sich in der Realität mischen und ineinander übergehen. So scheinen Söldner wie Bron oder Daario, die von Berufs wegen, also lozierend, Gewalt ausüben, durchaus ihre autotelische Freude am Töten zu haben. Gleiches gilt für die psychische Gewalt von Petyr „Littlefinger“ Baelish oder Cersei Lannister. Gregor Gleganes Vergewaltigungen stellen raptive Gewalt dar, sind aber auch Mittel der Kriegsführung, also lozierend.

Viele Formen der Gewalt können wir als Zuschauer verzeihen. Teils, weil wir die Motivation legitim oder zumindest nachvollziehbar finden. Teils, weil wir akzeptieren, dass in einer brutalen Welt, wie der von Game of Thrones, nunmal anders hingelangt wird. Und oft genug ersehen wir sogar den gewaltsamen Tod eines ungeliebten Charakters („Joffrey, Cersei, Ilyn Payne, the Hound…“).

 Ramsey aber ist uns zu viel, denn er verkörpert alle drei Formen der Gewalt in Reinform und zwingt uns, dabei zuzusehen. Kann Gewalt kälter, instrumenteller, lozierender sein, als den eigenen Vater umzubringen, die Stiefmutter und den neugeborenen Halbbruder an die Hunde zu verfüttern, nur um den Vater zu beerben? Warum die Vergewaltigung Sansas, wenn nicht aus rein sexuellem, raptivem Motiv? Und wann war Gewalt autotelischer, als Theons nicht enden wollendes Martyrium?

Vielleicht hassten wir Ramsey auch deshalb so, weil uns durch ihn bewusst wurde, wie viel Gewalt wir in Game of Thrones immer wieder hinnehmen. Und vielleicht ist Ramsey nicht einmal der einzige ist, der daran seinen Spaß hatte.  


*Reemtsma, J. P. (2008): Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburger Edition HIS, Hamburg.

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