Hand of God: Pernell


Die Amazon-Serie Hand of God ließe sich wohl unter vielen Gesichtspunkten interessant analysieren. Glaube vs. Rationalität, Rache vs. Vergebung, Stolz vs. Scham – das sind nur einige der behandelten Themen.

Aus psychiatrischer Perspektive sehen wir in Hand of God in erster Linie einen Mann (Richter Pernell Harris) der unter dem Einfluss eines traumatischen Ereignisses (Suizidversuch seines Sohnes) eine psychische Erkrankung entwickelt, deren imposantestes Symptom ein religiöser Wahn ist. Als Wahn bezeichnet die Psychopathologie eine Überzeugung, die nachweisbar unvereinbar mit der objektiven Realität ist, an der die betroffene Person aber dennoch dauerhaft festhält. Wahn beeinträchtigt dadurch die Realitätswahrnehmung und das Alltagsfunktionsniveau. Pernells religiöser Wahn besteht darin, dass er von Gott auserwählt wurde, seinen Sohn zu rächen. Dass Gott ihm Hinweise in Form optischer Wahrnehmungen sendet. Dass er durch Handeln im Sinne Gottes seinen Sohn aus dem Koma erwecken kann.
Darüber hinaus hat Pernell akustische und optische Halluzinationen: Er hört die Stimme seines im Koma liegenden Sohnes (unterhält sich sogar mit ihm) und sieht immer wieder Personen oder Dinge, die nicht da sind.

Nach der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) leidet Pernell unter einer Paranoiden Schizophrenie (F20.0), welche in seinem Fall durch die folgenden charakteristischen Symptome gekennzeichnet ist:
  • Wahn
  • Akustische Halluzinationen in Form von kommentierenden und dialogischen Stimmen
  • Optische Halluzinationen
  • Gedankeneingebung: Überzeugung dass eigene Gedanken von außen (von Gott) geschickt wurden
  • Gedankenabreisen: Unterbrechung des Denkflusses (bei Pernell durch das plötzliche Einschießen von Einfällen im Zusammenhang mit seinem Wahn)


Pernells religiöser Wahn unterscheidet sich von einfacher Religiosität oder auch religiösem Fundamentalismus (der zwar ein Problem, aber keine Krankheit darstellt) dadurch, dass Pernells Realitätswahrnehmung durch seinen Wahn immer wieder deutlich beeinträchtigt wird, z.B. wenn er davon überzeugt ist, seinen Sohn durch aktives Handeln aus dem Koma erwecken zu können etc.
Für einen psychisch gesunden Gläubigen kann z.B. das ewige Leben gleichzeitig mit und trotz dem physischen Tod bestehen – Pernell verleugnet das Koma und den nahenden Tod seines Sohnes, entgegen aller medizinischen Fakten.
Religiöse Fundamentalisten verleugnen zwar auch objektive Realitäten, sie tun dies aber (wie z.B. der charismatische Reverend Curtis in Hand of God) zur Verbreitung ihrer Glaubenslehren und Durchsetzung ihrer Interessen. In den meisten Fällen sind sie sich dennoch der logischen und naturwissenschaftlichen Realitäten bewusst.

Natürlich spielt Hand of God mit genau diesen Unterschieden und Gemeinsamkeiten, sodass man sich nie ganz sicher sein kann, ob nicht doch übernatürliche Kräfte im Spiel sind. Letzten Endes ist wohl auch das Glaubenssache.

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