Minderwertigkeit & Allmacht in Transcendence


In Transcendence wird aus dem zunächst ganz sympathischen Wissenschaftler Dr. Will Caster eine Art virtueller Übermensch, dessen einziger Antrieb die Ausweitung seiner eigenen Macht zu sein scheint. 

Das Streben nach Macht wurde von dem Psychoanalytiker Alfred Adler als kompensatorische Reaktion auf ein jedem Menschen, in unterschiedlichem Maße, eigenes Minderwertigkeitsgefühl erklärt. Das Ausmaß des Minderwertigkeitsgefühls wird durch den Vergleich der eigenen Qualitäten mit denen der Mitmenschen geprägt. Da Kleinkinder in ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten zunächst allen anderen Menschen um sie herum unterlegen sind, macht jeder Mensch zu Beginn seines Lebens Erfahrungen von Unterlegenheit und Abhängigkeit, welche die Basis späterer Minderwertigkeitsgefühle darstellen.
Nach Adlers Theorie gibt es zwei mögliche Abwehrmechanismen gegen das latent allgegenwärtige Minderwertigkeitsgefühl:
  • Wer sich selbst als Teil einer Gemeinschaft und die Beziehungen innerhalb dieser Gemeinschaft als helfend, wohltuend und stabil erlebt, kann die eigenen Unvollkommenheiten durch Beziehungen zu anderen Menschen kompensieren. Er wird die eigenen Schwächen akzeptieren und die Stärken der anderen als hilfreiche Ergänzungen annehmen und begrüßen können. Dieses Erleben nannte Adler Gemeinschaftsgefühl.
  • Wer von anderen nicht die Anerkennung und Unterstützung bekommt, die nötig sind, um das eigene Minderwertigkeitsgefühl kompensieren und aushalten zu können, der wird sich durch deren Fähigkeiten und Stärken umso mehr minderwertig und bedroht fühlen. Er wird vor allem nach Macht als Mittel zur Überhöhung über andere und somit zur Bekämpfung des eigenen Minderwertigkeitsgefühls streben.

Will Caster ist zweifellos intellektuell hochbegabt, ansonsten aber eher ein Durchschnittstyp. Blass und hager verbringt er sein Leben im Labor, ist sozial unsicher und unbeholfen und an gesellschaftlichen Entwicklungen, Ansehen, Freizeitgestaltung und Unterhaltung offenbar wenig interessiert. Was sein Leben lebenswert macht, ist die Beziehung zu seiner schönen und ebenfalls ziemlich intelligenten Frau Evelyn.
Zu diesem Zeitpunkt hält Will sein Minderwertigkeitsgefühl noch durch eine recht ausgewogene und funktionale Balance aus Gemeinschaftsgefühl (mit Evelyn) und Machtstreben, in Form wissenschaftlicher Erkenntnis, welche zu diesem Zeitpunkt für ihn noch Selbstzweck (eben zur Erhöhung seines Selbstwertgefühls) ist, in Schach.
Dann jedoch wird er tödlich verwundet und erfährt, trotz all seines Wissens, vollständige Machtlosigkeit. Das schlimmste am Sterben ist für ihn, der im Leben nur an wenigem Freude hatte, dass der Tod auch die ultimative Trennung von Evelyn bedeutet.
Dank Wills genialer technischer Errungenschaften, bleibt es für ihn jedoch zunächst nur bei der Befürchtung all dessen und er bekommt die Chance, als virtuelles Wesen weiter zu existieren. Doch die vorübergehende Machtlosigkeit, das Wissen darum, um ein Haar alles für ihn Bedeutsame verloren zu haben, haben sein latentes Minderwertigkeitsgefühl manifest und übermächtig werden lassen. Fortan betreibt er seine beiden zuvor adäquaten Abwehrmechanismen exzessiv und unbarmherzig. Er versucht Evelyn mit allen Mitteln an sich zu binden und opfert seinem Willen zur Macht (durch Wissen) nach und nach Prinzipien, Bürgerrechte, Menschenrechte und schließlich auch Menschenleben.
Am Ende wendet sich Evelyn gegen ihn, wodurch er gezwungen wird, sich zwischen der Beziehung zu ihr (als freies und autonomes, durchweg menschliches, Wesen) und seiner nahezu vollkommenen Macht zu entscheiden. 

Will wählt schließlich die Menschlichkeit, mit allen Konsequenzen. Er nimmt die Sterblichkeit – und damit das Minderwertigkeitsgefühl – in Kauf und opfert seine Macht dem Gemeinschaftssinn. Ob die virtuellen Supermächte unserer Lebensrealität sich daran ein Beispiel nehmen…? 

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