Joker: Im Kern ein Charakterdrama


Ein Gastbeitrag von M.Sc. Psych. Christiane Attig 

Im Genre der Superheldenfilme existieren gefühlt zwei Lager: zum einen gibt es die quietschbunten, CGI-überladenen, humorgespickten Heldengeschichten wie Guardians of the Galaxy oder The Avengers, die vorrangig im alles überschattenden Marvel Cinematic Universe beheimatet sind. Zum anderen gibt es die dunkleren, psychologischeren, ernsthafteren Streifen, die sich weniger um mit Superkräften ausgestattete Helden drehen, sondern die persönlichen Geschichten und Beweggründe ihrer Protagonist*innen in den Fokus rücken. Christopher Nolans Dark Knight-Trilogie, James Mangolds Logan oder M. Knight Shyamalans Split kann man in letztere Kategorie fassen, die nun mit Todd Phillips‘ Joker einen weiteren Eintrag erhält.

Joker erzählt die Geschichte von Arthur Fleck, der gemeinsam mit seiner Mutter Penny in einem wirtschaftlich schlecht gestellten Stadtteil von Gotham City lebt – die Stadt, die Batman ebenfalls seine Heimat nennt und die dieser immer wieder von Kriminalität, Gewalt und Korruption zu reinigen versucht. In Joker existiert Batman allerdings noch gar nicht, denn dieser Film zeigt uns, wie aus Arthur Fleck der Joker wurde: der Erzfeind Batmans, der offenbar aus reiner Freude heraus wahllos Menschen tötet und dadurch Angst und Chaos in Gotham verbreitet. 

Die Darstellung dieser Entwicklung verfügt anscheinend über eine gewisse Brisanz, denn über wenige Filme wurde in den letzten Jahren intensiver sowohl im deutschen und internationalen Feuilleton als auch in der Filmpodcast-Landschaft diskutiert. Kritische Stimmen werfen dem Drehbuch Ideenlosigkeit und Stigmatisierung psychisch kranker Personen vor. Wohlwollende Stimmen sprechen von gelungener Kritik am kapitalistischen System und einer rührenden Darstellung des Protagonisten, die seine Entwicklung nachvollziehbar macht. Aus der Perspektive der Klinischen Psychologie ist die Entwicklung Arthur Flecks hin zum Joker aber vor allem eines: realistisch. Und vielleicht ist gerade das der Punkt, weswegen die Entwicklung wie „Küchenpsychologie“ wirkt. Achtung: ab hier wird massiv gespoilert! 

In der ersten Szene des Films sehen wir Arthur, der sich für seinen Job vorbereitet: er schminkt sich zum Clown, um in den Straßen Gothams Werbeschilder zu halten und so die Bewohner der Stadt zum Konsum anzuregen. Gleichzeitig erfahren wir durch die Nachrichten, die im Hintergrund laufen, dass sich der Müll in den Straßen der Stadt türmt. Die Regierung spart an den falschen Stellen, die Reichen stecken sich immer mehr Geld in die eigenen Taschen und die soziale Schere klafft immer weiter auseinander. Doch das Leben an der Armutsgrenze ist nicht Arthurs einziges Problem: neben seiner neurologischen Störung, die in Stresssituationen ein Tic-artiges unwillkürliches und ununterdrückbares Lachen hervorruft, leidet er außerdem an Depressionen (und möglicherweise weiteren Störungen wie der Borderline-Persönlichkeitsstörung). Als er von seiner Therapeutin erfährt, dass die finanziellen Mittel sowohl für seine Gesprächs- als auch Pharmakotherapie gestrichen werden, gesteht er ihr, dass es ihm nicht nur schlecht ginge, nein: er habe ausschließlich negative Gedanken. Während er diese jedoch bisher relativ gut im Griff hatte, beginnen diese ihn nach dem erzwungenen Absetzen seiner Psychopharmaka und Psychotherapie zu übermannen. Die soziale Zurückweisung und das Mobbing, das er im Grunde (abgesehen von seiner Mutter und einem seiner Arbeitskollegen) von jeder Person in seinem Umfeld erfährt, kann nicht mehr abgefedert werden und entlädt sich in mörderischen Wutanfällen. Seine ersten Opfer sind mobbende Wallstreet-Yuppies. Ein Dreifachmord im Affekt, der negativ verstärkt wird: die Täter sind tot, die Schmerzen verschwunden.

Im späteren Verlauf des Films erfahren wir mit Arthur, worin seine neurologische Störung und seine psychischen Probleme begründet sind. Einer der früheren Partner seiner Mutter misshandelte Arthur als er ein Kind war, und fügte ihm dabei eine schwere Kopfverletzung zu – ein Trauma, das Arthur bis zur Gegenwart verdrängt hatte. Außerdem war seine Mutter Penny in der Vergangenheit wegen eigener psychischer Störungen in Gothams berühmter psychiatrischen Klinik, dem Arkham Asylum, untergebracht; hier wird eine familiäre Vorbelastung angedeutet. Doch das ist nicht alles: Jahrzehntelang belog Penny ihn bezüglich seiner Herkunft. Arthur, der ohnehin Bindungsprobleme aufweist, fühlt sich letztlich von der einzigen Person, von der er sich geliebt fühlte, verraten. Die Abwärtsspirale, die schon in vollem Gange ist, wird dadurch weiter angeheizt: suizidale Tendenzen und Rachegedanken manifestieren sich immer stärker und gipfeln in der Ermordung seines Idols vor laufenden Kameras. Ein Mord, der eine einzige Inszenierung ist. Ein Mord, der als politisches Zeichen instrumentalisiert wird. Ein Mord, für den Arthur positive Verstärkung in Form von Bewunderung und Glorifizierung erhält. Arthur ist tot, lang lebe der Joker. 

Was wir hier über zwei Stunden zu Gesicht bekommen, ist eine prototypische Illustration des Vulnerabilitäts-Stress-Modells zur Entstehung psychischer Störungen. Dieses besagt, dass zur Entwicklung solcher Störungen eine angeborene oder erworbene Vulnerabilität die Stressverarbeitungsressourcen des Individuums dauerhaft verringern. Erlebt das Individuum später akute Stressoren, die die Coping-Ressourcen übersteigen ohne dass schützende Resilienzfaktoren vorhanden sind, dann kommt es zur Manifestation der Störung. Arthur ist von Kindesbeinen an beeinträchtigt: er kommt aus wirtschaftlich unsicheren Verhältnissen, lebt mit einer psychisch beeinträchtigten Mutter, erlebt Kindesmisshandlungen und erwirbt dadurch eine Behinderung, die ihn sozial ausgrenzt. All das hat vermutlich zur Entstehung der Depression beigetragen. Dank Psychopharmaka und Psychotherapie schafft er es jedoch, ein relativ geordnetes Leben zu führen. Als diese Ressourcen wegfallen, sinkt seine Stressverarbeitungskapazität jedoch wieder. Psychische und körperliche Gewalt, Einsamkeit und Wut können nicht mehr adäquat verarbeitet werden und Arthur wird zum Joker.

Joker zeigt somit eine nachvollziehbare und psychologisch plausible Entwicklung seines Protagonisten, mit der die Zuschauenden mitfühlen können. Arthur ist Opfer seiner Umstände: seines sozialen Umfelds, seiner Behinderung, des Wirtschaftssystems, der Regierung. All das ist eine Erklärung, nicht jedoch eine Entschuldigung: Die Verantwortung für seine Taten bleibt stets einzig bei Arthur. Die Verantwortung für den Weg dorthin aber nicht nur. So klagt der Film auch ganz Gotham an, insbesondere die, die die Fäden der kapitalistischen Stadt in der Hand halten, wie die Familie Wayne. Und das bedient letztlich das allgemeine Narrativ der Batman-Geschichte: Gotham bringt den Joker hervor, der Joker und Batman bedingen sich gegenseitig. Sie sind zwei Seiten derselben Münze.  

„Madness, as you know, is like gravity. All it takes is a little push”, das sagte schon der von Heath Ledger verkörperte Joker in The Dark Knight. Dass dieser Joker, der durch eine dissoziale Persönlichkeitsstörung charakterisiert ist, die logische Fortführung der neuen, von Joaquin Phoenix verkörperten Joker-Iteration sein könnte, ist durchaus denkbar. Einige Einstellungen aus Todd Phillips‘ Film sind sogar offensichtliche Hommagen an The Dark Knight. So kann die Jokergenese über Filme und Inszenierungen hinweg weitergedacht werden. 

Vielleicht ist Joker für manche Menschen zu viel Erklärung. Vielleicht ist manchen Menschen ein mysteriöser Joker lieber. Einer, von dem man überhaupt nicht weiß, warum er so agiert wie er es tut. Einer, von dem man behaupten kann, dass er nun mal einfach „irre“ sei. Joker zeigt aber durch die Nachvollziehbarkeit: Arthur wurde nicht böse geboren. Das Böse gibt es nicht. Jeder Mensch trägt das Potenzial zu bösen Handlungen in sich. Und letztlich sind wir alle verantwortlich dafür, dass nicht das Böse Überhand gewinnt, sondern Solidarität, Mitgefühl und Verständnis, füreinander und sich selbst.

Systemsprenger: Hinsehen bis es schmerzt

Systemsprenger ist ein großartiger, schmerzhafter, weitgehend realistischer Film über ein Kind mit einer schweren Bindungsstörung und die Lücken in unserem sozialpädagogisch-psychiatrischen Versorgungssystem. Allerdings ist der Film potentiell auch sehr triggernd, durch die Darstellung von Traumatisierung, emotionaler Vernachlässigung und Gewalt. Insofern ist der Film dringend allen zu empfehlen, die sich so etwas ansehen können – allen anderen ist dringend davon abzuraten. Nachdem das gesagt ist, hier mein – weitgehend spoilerfreier – erster Eindruck. 

Quelle: https://www.systemsprenger-film.de/
Was also macht den Film so gut? Zunächst mal sind die Schauspieler*innen, allen voran die Hauptdarstellerin Helena Zengel (Benni), durch die Bank großartig und jedes Setting so realistisch, dass man als Profi aus dem Bereich Kinder- und Jugendhilfe/-psychiatrie ständig ein „Ja, genau so…“-Gefühl hat und als Laie einen ziemlich realitätsnahen Eindruck vermittelt bekommt, wenngleich dieser im Spielfilm (anders als in einer Dokumentation) natürlich unkommentiert bleibt, was manche Vorgehensweisen des Personals der verschiedenen Einrichtungen vielleicht schwer einzuordnen und nachzuvollziehen macht, z. B. die wiederholten Fixierungen, den Off-label-use von Neuroleptika oder die genauen Erwägungen, warum Benni bestimmte Einrichtungen verlassen muss. Andererseits versetzt genau diese Intransparenz die Zuschauenden auch in die Perspektive der Protagonistin Benni, der all diese Maßnahmen ebenfalls willkürlich und zum Teil grausam erscheinen müssen. 
Der Film zeigt hier die ganze Überforderung, Desillusionierung und Frustration eines Hilfesystems, in dem durchaus engagierte und liebevolle Menschen, teilweise bis zur persönlichen Verausgabung, aktiv sind. Die Grenzen des Systems liegen nicht in Engagement oder Qualifikation der Fachkräfte, sondern im maximal banalen Fehlen von Ressourcen, i.e. Zeit und Geld. Um es klar zu sagen: Das deutsche Kinder- und Jugendhilfesystem und die Versorgungsstrukturen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sind unterm Strich nicht so schlecht und bieten einer sehr großen Zahl Kinder und Jugendlicher mit ihren Familien hochwertige professionelle Unterstützung und Behandlung. Das frustrierende und eigentlich unfassbare ist nicht, dass Systeme an ihre Grenzen geraten, sondern, dass unser System eben vor allem an finanzielle und damit vermeidbare Grenzen stößt. Mehr Geld, mehr Zeit, mehr Personal – das wäre nicht unmöglich; folglich sind wir alle, als Bürger, Wähler und Mitmenschen, dafür verantwortlich, wenn und wo es nicht funktioniert. Damit ist der Film auch ein Appell an die Zuschauenden, die Themen Kinder- und Jugendhilfe, psychische Gesundheit und psychosoziale Versorgung aller, speziell der sozioökonomisch schwächeren Gesellschaftsschichten, nicht erst und nur dann wichtig zu finden, wenn spektakuläre Fehler und Unterlassungen durch die Presse gehen. 

Genau hier wird dieser kleine deutsche Film zum psychologischen Meisterwerk: Er zwingt – und es ist oft ein schmerzhafter Zwang – uns nicht nur hinzusehen, sondern auch intensiv zu fühlen. Bereits nach wenigen Minuten und bis über den Abspann hinaus, spürt man die intensive, schier unerträgliche Daueranspannung, die Kinder wie Benni ständig begleitet. 
Aufgrund der frühen Traumatisierung, der immer und immer wieder enttäuschten Beziehungswünsche und aggressiven Gegenreaktionen ihres Umfelds, ist für Benni keine Situation, nicht einmal die oberflächlich glücklichen Momente, sicher. Indem der Film uns brachial in diese Gefühlswelt hineinzieht erleben wir, wie Benni, unterschwellig gerade in diesen Situationen – Pommes essen, Schlittschuh laufen, mit einem Baby spielen – sogar die größte Anspannung, weil uns der Film früh klarmacht, dass in Bennis Welt jederzeit jede Kleinigkeit zur absoluten Eskalation führen kann. Kurze Verschnaufpausen bieten, paradoxerweise, nur die Szenen, in denen Benni sediert und fixiert im Überwachungsraum der Kinder- und Jugendpsychiatrie liegt: Der traurige Höhepunkt jeder Eskalation und der einzige kurze Moment des Innehaltens vor dem nächsten Sturm. 

Psychopathologisch gesehen, hat Benni eine Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung (ICD-10 F94.2), die durch folgende Symptome definiert ist:
  • Beziehungsmuster mit einer Mischung aus Annäherung und Vermeidung sowie Widerstand gegen Zuspruch
  • Eingeschränkte Interaktion mit Gleichaltrigen
  • Beeinträchtigung des sozialen Spielens
  • Gegen sich selbst und andere gerichtete Aggressionen
  • Nicht-selektives Bindungsverhalten mit wahlloser Freundlichkeit und Distanzlosigkeit
  • Gleichförmige Interaktionsmuster gegenüber Fremden
  • Inadäquate Reaktionen auf Beziehungsangebote von Bezugspersonen 

Mögliche Ursachen dieser Bindungsstörung sind Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung, v.a. in den ersten Lebensjahren, sowie inkonsistente und wechselnde Bezugspersonen. Die Kinder entwickeln dadurch keine sichere Bindung bzw. das, was gerne Urvertrauen genannt wird. Keine soziale Situation fühlt sich sicher, keine andere Person wirklich verlässlich an. Wer sich nie sicher fühlt, muss psychologisch und physiologisch ständig reaktionsbereit sein, d.h. das sympathische Nervensystem, zuständig für die sogenannte Fight-or-flight-Reaktion ist ständig aktiviert: Mehr Stresshormone werden ausgeschüttet, man ist schreckhaft, reizbar, angespannt und überdreht. 
Die Daueranspannung ist so anstrengend und unaushaltbar, dass den Kindern letztlich eine Wahl bleibt, als die nächste Eskalation herbeizuführen, um danach für einen kurzen Moment Ruhe zu haben – und sei es durch Gewalt, Zwang, Verlassenwerden oder absolute Erschöpfung. 

Trotz allem sind auch diese schweren Bindungsstörungen behandelbar. Was es dazu braucht, wird im Film angedeutet: Intensive pädagogische Betreuung durch langfristig konstante Bezugspersonen, die wiederum ausreichend Zeit, Ressourcen und Supervision erhalten, um den langen und von Rückschlägen geprägten Weg zu gehen. Und eine Kinder- und Jugendpsychiatrie, für die dasselbe gilt. Leider sind das Dinge, die wir uns als Gesellschaft bisher nicht leisten wollen. Und so lässt uns der Film am Ende ratlos und traurig zurück – ebenso wie schon viele der realen Bennis uns als Profis am Ende ratlos und traurig zurückgelassen haben.

Einer flog über das Kuckucksnest: Psychiatrie damals und heute


Vortrag am 22. September 2019 im Odeon, Göppingen

Für mich war „Einer flog über das Kuckucksnest“ aus dem Jahr 1975 schon historisch, als ich ihn als Jugendlicher zum ersten Mal gesehen habe. Als ich sechzehn war, wurde in den USA die erste Staffel der Serie ausgestrahlt, die für Viele den Beginn des Goldenen Zeitalters hochqualitativer, horizontal erzählter, charakterzentrierter TV-Serien markierte und deren berühmt gewordene erste Szene in der Praxis einer modernen, freundlichen und hochkompetenten Psychotherapeutin spielt: Die Sopranos (1999-2007). 
Dr. Jennifer Melfi zählt zu den guten fiktionalen Psychotherapeut*innen (auf die Unterscheidung der Berufsgruppen Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen verzichte ich in diesem Vortrag, da sie in den meisten fiktionalen Darstellung nicht, oder nicht korrekt getroffen wird) des 21. Jahrhunderts, die ihren Patient*innen nach Kräften helfen. Andere sind Sean Maguire aus Good Will Hunting (1997), Paul Weston aus In Treatment (2007-2010) – einer Serie, die fast ausschließlich in Pauls Behandlungszimmer spielt –, die Therapeuten aus aktuellen Netflix-Produktionen, wie To The Bone, Atypical und Lucifer sowie im deutschen Sprachraum Bloch (Dieter Pfaff, 2002-2013), die Psychologin Dr. Jung aus dem Kieler Tatort, oder der von Christian Ulmen verkörperte Dr. Psycho (2007-2008). Teilweise sind diese Psychotherapeut*innen schrullig, neurotisch, ein wenig narzisstisch und mit den ethischen Grenzen des Berufsstandes nehmen sie es nicht immer so genau – dennoch sind sie nicht zu vergleichen mit der kalten, autoritären, ja grausamen Oberschwester Ratched aus Einer Flog über das Kuckucksnest.

Schwester Ratched steht damit in der Tradition der Psycho-Protagonisten ihrer Zeit. Neben Einer Flog über das Kuckucksnest steht Alfred Hitchcocks Meisterwerk Spellbound mit Ingrid Bergmann und Gregory Peck für böse Psychiater mit gruseligen Fähigkeiten der Manipulation und Beeinflussung. Ganz zu schweigen von unzähligen Horror-B-Movies in denen durchgeknallte Psychiater und schaurige psychiatrische Anstalten zu sehen sind.
Noch 1991 erblickt einer der bekanntesten und schrecklichsten Kollegen meiner Zunft das Licht der Filmleinwand: Der hochintelligente Kannibale und Meister der Manipulation Hannibal Lecter (Das Schweigen der Lämmer).
Im selben Jahr wird Sarah Connor in Terminator II in einer gefängnisartigen Psychiatrie mit Gitterstäben und pervers-sadistischen Wärtern eingesperrt – und das obwohl sie nicht einmal krank ist: Der Terminator, Zeitreisen und die nahende Apokalypse sind ja real.
Überhaupt ist der Topos der/s zu Unrecht in der Psychiatrie zwangsuntergebrachten Gesunden, welche/r lediglich an den unhinterfragten, aber in ihrer Rigidität und Unmenschlichkeit letztlich eigentlich verrückten Gesellschaft, oder der Psychiatrie selbst, kaputt geht, beliebt. In Stieg Larssons Millennium-Trilogie wird die unliebsame Lisbeth Salander pathologisiert und zeitweise weggesperrt und auch McMurphy, in Einer flog über das Kuckucksnest, ist zwar ein Gauner – wirklich krank macht ihn jedoch erst die Psychiatrie.

Es gibt wohl eine Wechselwirkung zwischen Fiktion und Realität. Wir wissen aus der Forschung, dass fiktionale Stoffe die Wahrnehmung der Realität beeinflussen können. So fand eine österreichische Studie (Till et al., 2006) heraus, dass in Österreich lebende Personen, die viel fernsehen eher glauben, dass es dort noch die Todesstrafe gebe (die tatsächlich 1968 abgeschafft wurde), also quasi mit dem durch das Fernsehen gezeigten US-Justizsystem besser vertraut sind, als mit den Gesetzen ihres eigenen Heimatlandes.
Gleichzeitig können wir wohl mit C.G. Jung, der 1950 schrieb, dass Goethes Faust nicht nur die innerpsychischen Konflikte seines Verfassers widerspiegle, sondern die Bewusstseinslage einer ganzen Generation, davon ausgehen, dass fiktionale Stoffe v.a. dann zu Popularität gelangen, wenn sie Themen und Gefühle der sie rezipierenden Gesellschaft in eine anschauliche Form gießen.
Der Psychoanalytiker und Medienpsychologe Dirk Blothner (1999, S. 220) stellt fest, dass im Film „noch unausgeformte und revoltierende Strömungen in Bilder gefasst werden. Daher lässt sich an den wirksamsten Filmen oft auch ablesen, auf welche neue Ordnung die Gesellschaft zusteuert“.
Vor diesem Hintergrund passt, wie wir schon gehört haben, Einer flog über das Kuckucksnest perfekt in seine Zeit. Zwei Jahre zuvor, 1973, war die spektakuläre und schockierende Studie des Psychologen David Rosenhan mit dem Titel „being sane in insane places“ erschienen. In diesem klassisch gewordenen Experiment wurden acht gesunde Menschen, überwiegend Studierende, in verschiedenen psychiatrischen Kliniken vorstellig und berichteten beim Erstgespräch, Stimmen zu hören. Alle acht Pseudopatienten wurden stationär aufgenommen – soweit kein Problem. Allerdings wurden sie durchschnittlich neunzehn Tage lang „behandelt“, obwohl sie sich vom Zeitpunkt der Aufnahme an normal verhielten und nie mehr von akustischen Halluzinationen berichteten – McMurphy lässt grüßen!

Natürlich lässt sich die Rosenhan-Studie in vielfacher Hinsicht kritisieren: Mutmaßlich wohlmeinende Behandler, wurden über ein ernsthaftes psychiatrisches Symptom (akustische Halluzinationen) belogen und somit in eine Falle gelockt. Zudem wurden Behandlungskapazitäten gebunden, die eigentlich tatsächlich kranken und leidenden Patient*innen vorbehalten sein sollten. Gerade aus heutiger Sicht, wo dringend behandlungsbedürftige und behandlungswillige Menschen zum Teil Monate lang auf eine Therapie warten müssen, weil deutlich zu wenig stationäre und ambulante Behandlungsplätze zur Verfügung stehen, ist dies fragwürdig.

Tatsächlich ist die institutionalisierte Macht der Psychiatrie heute geringer, als früher. Gesetze und berufsethische Standards sollen die Menschen vor Übergriffen durch die Psychiatrie schützen – und tun dies überwiegend auch effektiv. Das Selbstbild ist – hier schneller, dort langsamer – dabei, sich vom Halbgott in weiß zum Mental-Health-Experten auf Augenhöhe zu wandeln. Auf informeller Ebenen jedoch, ist die Macht von Psychiatrie und Psychotherapie ungebrochen. Wir verfügen über die Macht der Definitionshoheit! Oft geht es um nichts weniger, als die Entscheidung, was bzw. wer normal ist, also einen legitimen Platz in der Gesellschaft zugestanden bekommt und wer bzw. was außerhalb steht. Wer heute zur/m Psychiater*in kommt, tut dies vielleicht seltener mit der Angst, „in der Psychiatrie zu landen“, wohl aber mit der Angst davor, als zu schwach, zu sensibel, zu empfindlich oder auch „zu dumm“ etikettiert zu werden, um in unserer Gesellschaft, auf dem hart umkämpften Markt der Performance als Selbstdarsteller, bestehen zu können.

Die Psychiatrie war immer und ist weiterhin in der Gefahr, sich zur Erfüllungsgehilfin gesellschaftlicher Abwehr- und Ausstoßungsprozesse zu machen. Es ist bequemer, wenn ein Attentäter, Terrorist oder Massenmörder für psychisch krank befunden wird, weil Krankheit etwas ist, wofür die umgebende Gesellschaft scheinbar nicht verantwortlich gemacht werden kann – ein Trugschluss, sicher, aber ein hartnäckiger. Genauso wie es uns allen scheinbar angenehmer wäre, das Problem Donald Trump auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu reduzieren, als der Tatsache ins Auge zu sehen, dass fast die Hälfte der Amerikaner einen rassistischen, chauvinistischen Lügner zum „Führer der freien Welt“ gewählt hat. Die Tatsache übrigens, dass sich an dieser Ferndiagnostik auch Psychiater*innen beteiligt haben, ist – unabhängig von der persönlichen und politischen Bewertung Donald Trumps – ein Kunstfehler. Psychiatrie ist eine Heilkunst und darf niemals – als Deutscher will ich hinzufügen: Niemals mehr! – zur Waffe in der politischen Auseinandersetzung werden.

Ein vergleichbarer Abwehrmechanismus erklärt aus psychologischer Sicht auch die aktuell deutlich werdende Tendenz zur Verharmlosung und Relativierung von Rechtsterrorismus ausgerechnet in Deutschland.
Große Teile der deutschen Bevölkerung empfinden, aus gutem historischem Grund, bewusst oder unbewusst, eine Verantwortung dafür, dass sich Nationalsozialismus und Holocaust niemals wiederholen dürfen. Sie fühlen sich als Staat und Gesellschaft daran gemessen und bewertet. Diese Verantwortung wiegt schwer. Man kann sie bewusst wahr- und annehmen und sich als Individuum und Teil der Gesellschaft dem Antifaschismus, Antirassismus und einer offenen Gesellschaft verpflichten. Jedoch geht mit großer Verantwortung auch eine große Versuchung einher, diese zu vermeiden, sich vor ihr zu drücken. Eine bewusste Vermeidung ist die Forderung nach Schlussstrichen. Eine unbewusste Art der Vermeidung, des Wegduckens, kann die Verleugnung des Problems, für welches man bei dessen Anerkennung Verantwortung übernehmen müsste, sein. Die Ängste, Aggressionen, Xenophobie, die man vielleicht trotz allem in sich und um sich herum spürt, lassen sich leichter projizieren als sich damit zu konfrontieren und auseinanderzusetzen. Als Projektionsfläche eignen sich die, mit denen man augenscheinlich nichts zu tun hat, für die man scheinbar nicht in Mitverantwortung genommen werden kann. Linksradikale und Islamisten zum Beispiel, mit denen ich als Durchschnittsdeutscher kaum assoziiert werde. Oder eben vermeintlich psychisch Kranke.

Michel Foucault hat diesen Abwehrmechanismus in Wahnsinn und Gesellschaft (1961) beschrieben: Bis in die Renaissance waren die sogenannten Wahnsinnigen oder Irren als „normaler“ Bestandteil in die Gesellschaft integriert. Im besten Fall als Orakel, Hellseher oder spirituelles Medium, im schlechteren Fall als Dorftrottel, Hofnarr oder gruselige Sensation. Mit der Aufklärung wurde dann das Postulat des Menschen als vernünftiges Wesen zum Mainstream, welches von Beginn an den Geburtsfehler der Verdrängung aller irrationalen, triebhaften, emotionsgesteuerten beinhaltete. Der „Wahnsinn“ als intensivste Manifestation dieser menschlichen Anteile, passt als allgemein menschliches Phänomen nicht in dieses Narrativ. Nach Christian Morgenstern: „Und er kommt zu dem Ergebnis: Nur ein Traum war das Erlebnis. Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“ So entstand ein Motiv für die Auslagerung des Wahnsinns und die Tilgung der „Verrückten“ aus dem alltäglichen Leben. Die ersten Anstalten entstanden, zunächst allerdings mit dem Ziel, die Menschen, die durch ihre Krankheit zu sehr von der Norm abwichen, wegzusperren. Mit Emile Durkheim könnte man sagen: Es muss immer Menschen geben, die als „verrückt“ gelabelt werden, damit die Mehrheit sich als „normal“ empfinden darf.
Der einseitige Rationalismus der Aufklärung wurde bereits von Schopenhauer und Nietzsche kritisiert, auf die sich nicht nur Foucault bezieht, sondern auch Sigmund Freud. Mit ihm vollzog die Beschäftigung mit dem Psychopathologischen einen Paradigmenwechsel. Nicht, dass es nicht schon zuvor Ärzte gegeben hätte, die psychisch Kranke nicht nur wegsperren, sondern ihr Leiden durch – zugegebenermaßen aus heutiger Sicht oft recht krude – medizinische Behandlung lindern wollten. Doch erst Freud hob die soziologisch konstruierte Trennung zwischen Verrücktheit und Normalität auf, indem er der Menschheit die sog. dritte große Kränkung zufügte: Kopernikus hatte die Erde und damit den Menschen vom Mittelpunkt des Universums auf den Platz eines seinerseits um die Sonne kreisenden Planeten unter vielen verwiesen. Charles Darwin hatte den Menschen von der Krone der Schöpfung zu einem Tier unter vielen degradiert. Sigmund Freud schließlich konfrontierte den Menschen damit, dass er noch nicht einmal „Herr im eigenen Haus“ sei, sich also des Großteils seiner Handlungsmotive kaum bewusst. Psychopathologie wird dadurch zu einer Normvariante, zu lediglich sehr stark oder sehr schwach ausgeprägten, aber universellen, gleichsam archetypischen Erlebens- und Verhaltensweise.

In dieser Tradition stehen wir als heutige Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen. Jedem psychisch kranken Menschen zuvorderst als Mensch und erst dann als psychisch Krankem zu begegnen. Und auch – z.B. an einem Abend wie heute – gegen die Stigmatisierung psychischer Krankheit und damit die Exklusion des Abweichenden aus der gesellschaftlichen Selbstdefinition aufzustehen und anzureden.

McMurphy ist archetypisch gesehen eine Trickster-Figur. Sein Verhalten wirkt im Kontext, in dem er agiert, irrational oder sogar verrückt. Doch seine Verrücktheit ist – das wird in Einer flog über das Kuckucksnest deutlich – nicht objektiv, sondern durch den Kontext selbst zugeschrieben. Damit entlarvt er die Irrationalität und Verrücktheit des Systems selbst, fordert es heraus, zwingt es zur Selbstreflektion – und verliert nur scheinbar. Denn auch wenn der Trickster selbst noch vom System bestraft wird, hat er doch dessen Grenzen aufgezeigt und es damit hinterfragbar gemacht. McMurphys finden sich heutzutage immernoch in großer Zahl – nach einer Schwester Ratched müsste man in einer modernen Psychiatrie – und darauf können wir, denke ich, bei aller gebotenen Selbstkritik, doch stolz sein – schon länger suchen.

Den Audiomitschnitt des Vortrags zum Nachhören gibt es hier.

Literatur

Blothner, Dirk (1999): Erlebniswelt Kino. Über die unbewußte Wirkung des Films. Bergisch-Gladbach: Bastei Lübbe.

Foucault, M. (1961). Histoire de la folie à l’âge classique: Folie et déraison. Plon, Paris. Deutsch: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Jung, C.G. (1950). Gestaltungen des Unbewussten. Zürich: Rascher

Dark: Das Unbewusste

Eine spannende, komplexe und hervorragend besetzte deutsche Serie – und dann wird auch noch Freud zitiert! Was will man mehr? 
In voller Länge lautet das Sigmund-Freud-Zitat, das der hartnäckige Inspektor Clausen gerne verkürzt und bedeutungsschwanger wiedergibt: 

Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, überzeugt sich, dass die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können. Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen; aus allen Poren dringt ihm der Verrat. Und darum ist die Aufgabe, das verborgenste Seelische bewusst zu machen, sehr wohl lösbar.“ (1) 

Das passt, auch aufgrund der Freud eigenen etwas theatralischen Sprache, gut zu dem mysteriösen, hinterlistigen Inspektor Clausen und er scheint sich in der Rolle des ungebetenen Zaungastes in der Psyche seines Gegenübers zu gefallen. Nun war Sigmund Freud aber kein polizeilicher Ermittler, mit dem Ziel, die absichtlich verborgenen Geheimnisse Anderer zu entlarven, sondern Arzt und Psychotherapeut, der sein Ziel darin sah, Patient*innen dabei zu helfen, die unbewussten Wünsche, Ängste und Motive zu ergründen, deren Verdrängung zu seelischer Unausgeglichenheit und der Ausbildung psychopathologischer Symptome geführt haben könnte. Dabei – und das ist die eigentliche Aussage des Zitats – können unbewusste Prozesse, wie Mimik, Gestik oder auch Versprecher, wertvolle Hinweise liefern, die dann gemeinsam mit der/m Patient*in analysiert und gedeutet werden können. 

Somit passt das Zitat nicht nur in seiner Rhetorik zu Inspektor Clausen, sondern auch in seiner eigentlichen Bedeutung gut in die Serie, in der das Unbewusste in Form der klassischen Wald-Metapher eine zentrale Rolle spielt. Seit jeher gehen Protagonisten beliebter Geschichten in den Wald, um durch die Konfrontation mit der in ihm verlässlich lauernden Gefahr, ungeahnte innere Ressourcen zu entdecken und dadurch wiederum gereift und mehr sie selbst wieder aus dem Wald herauszutreten. 
Das naive Rotkäppchen wird im Wald zur Frau, die die Gefahren des Lebens (i.e. lüsterne Wölfe am Wegesrand) kennen- und besiegen (i.e. ihnen widerstehen) gelernt hat. 
Hänsel und Gretel, die sich zunächst noch widerspruchslos im Wald aussetzen ließen, entdecken dort ihre Kraft als intelligente und loyale Geschwister und kehren nach erfolgreicher Hexenverbrennung zurück um den Platz an Vaters Tisch gegen die böse Stiefmutter zu behaupten, welche jedoch vorauseilend verstorben ist. 
Arminius der Cherusker führt die identitätsverwirrten germanischen Stämme in den Teutoburger Wald, wo sie zu ihrer eigentlichen, gesamtdeutschen Identität finden, die so klasse ist, dass der Römer nur noch Reißaus nehmen kann… Und so weiter. 

Auch in Dark gehen die Charaktere nach und nach meist in den Wald, mehr oder weniger um die dort lauernden Gefahren wissend, um etwas über sich selbst, ihre Herkunft, ihre Familie oder die Liebe herauszufinden – kurz sich selbst zu finden. Der Wald, finster, wild und mystisch, aber auch ursprünglich, unverdorben und kraftvoll, symbolisiert dabei die tieferen, unbewussten Bereiche der Psyche: Man weiß nie so genau, was einem begegnen wird, aber man weiß doch, dass es irgendwie mit einem selbst zu tun hat. Wir alle müssen uns von Zeit zu Zeit in diese dunklen Wälder vorwagen um etwas über uns zu lernen und weiser wieder in den Alltag – in Dark immer symbolisiert durch die breite Straße mit der Bushaltestelle als klare Kennzeichen der aufgeklärten (i.e. bewussten) Zivilisation – treten zu können. Meist gelingt das von selbst, gelegentlich braucht es eine Psychotherapie, seltenst eine Zeitreise. 

(1) Sigmund Freud (1905). Gesammelte Werke V: Bruchstück einer Hysterie-Analyse, S. 240.

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