Es gibt nur einen Gott - und sein Name ist Tod

Mein Artikel "Zum Arbeiten mit populären Narrativen in der Psychotherapie: Es gibt nur einen Gott und sein Name ist Tod" ist im aktuellen Psychotherapeutenjournal 1/2019 erschienen und hier frei online verfügbar.

Sex Education: Otis´ Sextherapie

Das macht er ziemlich gut, der junge Otis. Obwohl er sich sein ganzes Wissen über Sex mühevoll theoretisch selbst aneignen muss, hat er genau die richtige Intuition, um seinen Mitschüler*innen als Sexualtherapeut bei ihren Problemen mit und um ihr Sexualleben erfolgreich weiterzuhelfen. Diese Intuition sagt ihm, dass es viel weniger um technische bzw. körperliche Aspekte geht, sondern dass eine erfüllende Sexualität vor allem ein positiv-angstfreies Verhältnis zum eigenen Körper und zur eigenen Person als ganzes voraussetzt. Indem er seine Patient*innen ermutigt, sich von Leistungsansprüchen und pauschalen Normvorstellungen bzgl. Sexualität freier zu machen und mehr auf die eigenen, ganz individuellen Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche zu achten, hilft er ihnen dabei, Sex vor allem als intime, liebevolle Begegnung mit sich selbst und einem (oder mehreren) ebenso einzigartigen anderen Menschen zu erleben. Es geht nicht um Performance, Aussehen, und Leistung, sondern um Vertrauen, Geborgenheit und neugieriges, ergebnisoffenes Interesse. Damit steht Otis in der ehrwürdigen Tradition der Pioniere der Sexualtherapie, Virginia Johnson und William Masters, die bereits in den 1960er Jahren wegweisende Forschung zur menschlichen Sexualität durchführten und das einflussreiche Therapieprogramm Sensate Focus entwickelten, das von denselben Grundsätzen geprägt ist, wie Otis´ intuitive Ratschläge an seine Mitschüler*innen. Die Bedeutung von Johnson und Masters lässt sich unter anderem auch daran erkennen, dass ihr Wirken Gegenstand einer eigenen - in Deutschland auf Amazon prime erhältlichen – Serie mit dem Titel Masters of Sex ist. 

Wie universell dieser Ansatz ist, zeigt sich auch in Sex Education, wo fast alle bekannten sexuellen Funktionsstörungen (ICD-10: Kapitel F52), die sich körperlich zunächst ganz unterschiedlich äußern, erfolgreich mit dem auf Selbstakzeptanz und emotionale Sicherheit basierenden Therapieansatz behandelt werden:
  • F52.0 Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen: Das Mädchen, dass sich nicht traut mit seiner Freundin Schluss zu machen, obwohl sie längst jemand anderen liebt. 
  • F52.1 Sexuelle Aversion: Otis selbst, für den durch den distanzlosen Umgang seiner Eltern mit ihrer eigenen Sexualität das ganze Thema so angst- und schambesetzt ist, dass es viel Liebe und Geduld erfordert, bis er sich ansatzweise darauf einlassen kann. 
  • F52.2 Versagen genitaler Reaktionen: Bei Männern die Erektionsstörung, wie z.T. bei Adam, der ein völlig fremdbestimmtes Bild von überkompensierender männlicher Sexualität zu leben versucht und sich dabei weitgehend von sich selbst entfremdet hat. Bei Frauen mangelnde oder fehlende vaginale Lubrikation. 
  • F52.3 Orgasmusstörung: Ein weiteres Problem von Adam, aus den genannten Gründen. 
  • F52.4 Ejaculatio praecox: Unfähigkeit, die Ejakulation ausreichend zu kontrollieren, damit der Geschlechtsverkehr für beide Partner befriedigend ist. Kein Thema in Sex Education, aber z.B. in Tote Mädchen lügen nicht (Tyler, Staffel 2) oder You – Du wirst mich lieben (Joe, Staffel 1). 
  • F52.5 Vaginismus: Verkrampfung der vaginalen Muskulatur, die ein Eindringen unmöglich macht. Das Mädchen, das ihr erstes Mal – und Sexualität im Allgemeinen – so sehr herbeisehnt, dass sie sich selbst mit Erwartungen überfrachtet hat, die sie unbewusst erdrücken und ängstlich und gehemmt machen.
  • F52.6 Nichtorganische Dyspareunie: Schmerzen beim Sex ohne körperliche Ursache, die bei Frauen und Männern auftreten können. Soweit ich mich erinnere kein Thema in Sex Education, im echten Leben aber durchaus nicht selten, wenn die genannten emotionalen Voraussetzungen für erfüllenden Sex nicht gegeben sind.
  •  F52.7 Gesteigertes sexuelles Verlangen: In Sex Education vielleicht Jean, die sich vor emotionaler Nähe fürchtet, weil sie noch immer verletzt und gekränkt von ihrem Exmann ist, sich das aber, infolge ihrer übertrieben sexuell liberalen Selbstdefinition nicht eingestehen kann, und sich das Erleben von Nähe und Bindung ausschließlich auf der sexuellen Ebenen verschaffen kann.

Obwohl all diese Phänomene ab einer gewissen Dauerhaftigkeit und Intensität als krankheitswürdig und behandlungsbedürftig zu betrachten sind, handelt es sich zunächst einmal um ganz natürliche Phänomene im Rahmen des hoch individuellen zwischenmenschlichen Geschehens Sexualität. Das ist der wichtigste Grundsatz von Otis´ Therapie: Liebe Dich selbst und es ist egal wie Du f*****! 



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